Mordanklage gegen Eltern der verhungerten Lea-Sophie erhoben

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19. Februar 2008, 03:52 Uhr

Schwerin (dpa/mv) - Drei Monate nach dem qualvollen Hungertod der fünfjährigen Lea-Sophie in Schwerin ist gegen die Eltern Mordanklage erhoben worden. Sie sollen dem kleinen Mädchen mindestens seit September 2007 nicht mehr genug zu essen und zu trinken gegeben haben, wie die Staatsanwaltschaft am Dienstag mitteilte. Lea-Sophie starb am 20. November. Sie wog nur noch 7,4 Kilogramm, normal sind in dem Alter um die 20 Kilogramm. Die heute 24 Jahre alte Mutter und der 26 Jahre alte Vater wurden zwei Tage später in Untersuchungshaft genommen. Die Eltern haben laut Staatsanwaltschaft ausgesagt, die Gefahren ihres Verhaltens für das Kind falsch eingeschätzt zu haben.

Durch die Verwahrlosung habe das Mädchen Liegegeschwüre an Gesäß und Rücken erlitten, hieß es in der Mitteilung weiter. Neben gemeinschaftlichem Mord durch Unterlassen wird den Eltern auch gemeinschaftliche Misshandlung von Schutzbefohlenen vorgeworfen. Ein Termin für den Prozessbeginn steht noch nicht fest, wie eine Sprecherin des Landgerichts Schwerin sagte.

Der Vater hatte kurz vor dem Tod seiner Tochter noch den Notarzt gerufen, der Lea-Sophie ins Krankenhaus brachte. Dort starb sie dann am späten Abend des 20. November.

Der Hungertod des kleinen Mädchens löste eine bundesweite Debatte um die Situation von Kindern aus. In Mecklenburg-Vorpommern wurden Vorkehrungen getroffen, um Kindesmisshandlungen besser erkennen und bekämpfen zu können. Im Januar wurde die Internetseite „www.gewalt- gegen-kinder-mv.de“ freigeschaltet, die rund 500 Ansprechpartner im Land auflistet, die im Verdachtsfall weiterhelfen können. Anfang Februar folgte eine landesweite Kinderschutz-Hotline, wo bei Verdacht auf gefährdete Kinder angerufen werden kann (0800 - 14 14 007).

In Schwerin hatte der Fall Lea-Sophie weitreichende politische Folgen. Ein Untersuchungsbericht der Stadtverwaltung brachte Versäumnisse von Mitarbeitern des Jugendamtes und organisatorische Mängel in der Behörde zutage. So hatte der Großvater von Lea-Sophie das Amt mehrfach um Hilfe gebeten, weil sich das Kind seiner Einschätzung nach nicht richtig entwickelte und sich die Eltern abschotteten. Seine Hinweise führten aber nicht zu wirksamer Hilfe, Amtsmitarbeiter schauten sich das Kind nicht an. Sozialdezernent Hermann Junghans (CDU), der im Januar die Leitung des Amtes abgeben musste, soll am kommenden Montag von der Stadtvertretung abgewählt werden.

Auch Oberbürgermeister Norbert Claussen (CDU) ist unter Druck geraten. Gegen ihn streben Stadtvertreter einen Bürgerentscheid zur Abwahl an. Claussen hatte nach dem Tod von Lea-Sophie gesagt: „Es hätte in jeder anderen Stadt passieren können und der, dem es passiert ist, hat in diesem Fall Pech gehabt.“ Später entschuldigte er sich öffentlich für den Satz.

Das zweite Kind der Familie, ein damals knapp zwei Monate alter Säugling, wurde nach dem Tod von Lea-Sophie in einer Pflegefamilie untergebracht. Der kleine Junge war in körperlich guter Verfassung.

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