Möwen stibitzen aus der Hand

Die Studentin Kirsten Francke schaut  ihrem Backfischbrötchen noch hinterher. Bei diesem Test ließen sich die schlauen Möwen Zeit, sonst dauerts nur Sekunden. Foto: Georg Scharnweber
Die Studentin Kirsten Francke schaut ihrem Backfischbrötchen noch hinterher. Bei diesem Test ließen sich die schlauen Möwen Zeit, sonst dauerts nur Sekunden. Foto: Georg Scharnweber

„Und passen Sie auf die Möwen auf.“ Das sagt Fischverkäuferin Ariane Lipkow ihren Kunden in Warnemünde jedes Mal. Wer den Rat ernst nimmt, kann sein Fischbrötchen genießen. Wer träumt, steht gleich ohne da. Denn die frechen Silbermöwen stehlen es im Flug aus der Serviette heraus.

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01. Februar 2008, 06:35 Uhr

Warnemünde, 12.30 Uhr. Lecker! Das wird schmecken. So ein Bismarck-Brötchen am Wasser Der Potsdamer Wolfgang Wendt hält den Leckerbissen schon in der Hand, bezahlt schnell und geht aus der Überdachung des Fischstandes. Er setzt an zum ersten Haps und Zack, weg ist das Brötchen. „Die Möwe hat es mir direkt aus der Serviette herausgeklaut. Das gibt’s doch nicht.“
Doch, das gibt’s. Jeden Tag Am alten Strom. Fischverkäuferin Ariane Lipkow beobachtet es immer wieder. „Aber mehr als es den Leuten sagen, kann ich nicht.“ Die Möwen sind clever. In diesem Fall die Silbermöwen, nicht die kleinen Lachenden. Während die eine schreit, stürzen sich die anderen hitchcock-gleich von hinten auf den nächsten Brötchenträger.

Und dann schreien neben den Vögeln auch noch die Menschen: „Hach, hups, uah.“ Die meisten bestellen gleich ein neues Brötchen. „Andere wollen von mir ihr Geld zurück“, sagt Lipkow und schüttelt dabei den Kopf.
„Das kam erst, als die alte
Ostmole abgerissen wurde“Gerhard Martens, seit 1933 in Warnemünde, kennt diese Geschichten. Vor allem weiß er, dass das nicht immer so war. Dass nicht immer so viel Möwen am Hafen und in der Stadt lebten. „Das kam erst, als vor etwa 15 Jahren der neue Seekanal gebaut und die alte Ostmole, eine Inselmole, abgerissen wurde.“ Auf letzterer nämlich hatten die Möwen ihre Nistplätze. Damals habe man gehofft, dass die Vögel auf die so genannte Liebesinsel umziehen würden. Das sind sie aber nicht. Stattdessen kamen die Tiere in die Stadt, wo sie auf Häusern brüten.

„Und dann Am alten Strom die Stände mit den Fischbrötchen, das zieht die Möwen an“, sagt Martens. Es seien dort auch vorher welche gewesen, aber noch mehr durch die Vermarktung seit der Wende. „Das Problem lässt sich wohl nicht lösen, auch, weil es für Touristen allzu verlockend ist, die Tiere zu füttern und sie bei ihren akrobatischen Flügen zu beobachten.“

„Das ist der typische Fall eines Kulturfolgers“, sagt Frank Fuchs, Biologe und Kurator im Rostocker Zoo. „Brötchen mit Remoulade sind energetisch günstiger“Die Silbermöwen sind dem Menschen in seine natürliche Umgebung gefolgt, weil sie davon Vorteile haben: „Es ist doch energetisch viel günstiger, ein Fischbrötchen mit Remoulade zu stehlen, als selbst nach einem Fisch zu tauchen.“

Dabei sind die Silbermöwen im Übrigen ganz besonders aggressiv, wenn sie gerade gebrütet haben. „Das ist etwa von Mai bis Juli.“ In der Pflege der Jungen, die sich Männchen und Weibchen teilen, ist Futter dann noch wichtiger.

Und die vermehrt kommenden Touristen müssen ihr Brötchen noch ein bisschen fester halten. „Das ist wohl nicht zu ändern, gegen Kulturfolger kann man nichts machen.“

Warnemünde: Silbermöwen rauben sich Futter von Passanten – frittiert und mit Salatblatt

d Im Sturzflug auf den nächsten Backfisch


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