Mit Umweltmedizin könnten Unsummen eingespart werden

Deutschlands  oberster Umweltmediziner  Dr. Frank Bartram berät und  unterstützt die Prenzlauer  Umweltmediziner
Deutschlands oberster Umweltmediziner Dr. Frank Bartram berät und unterstützt die Prenzlauer Umweltmediziner

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27. Juni 2012, 10:10 Uhr

Nürnberg/ Prenzlau | Dr. Frank Bartram, 1. Vorsitzender des Deutschen Berufsverbandes der Umweltmediziner, berät die Prenzlauer Umweltklinik im Rahmen eines Kooperationsvertrages. Karin Koslik sprach mit dem im bayerischen Weißenburg praktizierenden Arzt.

Herr Dr. Bartram, warum unterstützen Sie die Prenzlauer Umweltklinik?

Bartram: Ich engagiere mich seit 16 Jahren auf dem Gebiet der Umweltmedizin und betreibe eine der wenigen überregionalen Kassenpraxen für kurative Umweltmedizin in Deutschland. Knapp 11 000 Patienten habe ich in dieser Zeit behandelt. Bei vielen von ihnen waren, wie sich letztlich herausstellte, Schadstoffe in Innenräumen ein Auslöser ihrer Probleme. Genau diese Räume waren aber auch ihr Rückzugsraum, wenn sie unter Beschwerden litten. Für solche Patienten kann es von großem Nutzen sein, wenn sie sich für eine, zwei oder auch drei Wochen in einen Bereich zurückziehen können, in dem es diese Schadstoffe nicht gibt. Solch einen Schutzraum stellt die Prenzlauer Umweltklinik dar. Eine vergleichbare Einrichtung gibt es in Deutschland bisher noch nicht.

Wie finden Sie heraus, was die Beschwerden eines Patienten verursacht?

Das ist ein langwieriger Prozess. Zum Erstgespräch sollten Patienten alle verfügbaren Unterlagen über bereits stattgefundene Untersuchungen mitbringen, einschließlich zahnärztlicher. Das können im Einzelfall bereits mehrere dicke Ordner sein, denn viele Patienten haben eine jahrelange Leidensgeschichte, in der sie ohne Befund von Arzt zu Arzt geschickt wurden.

Das Problem bei der Diagnostik in der Umweltmedizin ist, dass die Beschwerden extrem unspezifisch sind. Nehmen wir nur ein Beispiel, Schwindel. Er kann daher rühren, dass sich jemand zu lange die Sonne auf den Kopf scheinen lassen hat. Er könnte auch durch einen Hirntumor verursacht werden. Er kann aber auch durch Umweltgifte ausgelöst werden.

Und wie finden Sie letztlich den richtigen Auslöser?

Am Anfang steht ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten. Seine Wohn- und Lebenssituation, Ausbildung und Beruf, Freizeitverhalten, Genussmittelkonsum, bekannte Erkrankungen bis hin zum Zahnersatz - alles kann für die Diagnose wichtig sein. Die anschließende Laboranalytik ist zuerst eine Ausschlussdiagnostik, um nicht umweltbedingte Ursachen der Symptome sicher auszuschließen. Die spezielle umweltmedizinische Laboranalytik umfasst drei Bereiche: Erstens die Messung von umweltbedingten Schadstoffen bzw. deren Verstoffwechslungssubstanzen - das Biomonitoring. Zweitens werden individuelle Störungen des Immunsystems durch Umweltschadstoffe ermittelt. Drittens geht es um den Nachweis individueller Empfänglichkeit oder Empfindlichkeit gegenüber Schadstoffen.

Und wenn dann eine Diagnose gestellt werden kann?

Wenn eine Umwelterkrankung bewiesen ist, bedeutet das, dass an und für sich leistungsfähige menschliche Systeme die Belastung nicht mehr kompensieren können. Helfen kann dann nur eine Vermeidung oder zumindest Verminderung der auslösenden Faktoren. Der Anschub zur Gesundung ist die Regeneration in einem geschützten Raum, wie ihn die Umweltklinik darstellt.

In der Umweltklinik gibt es so gut wie keine Schadstoffe - aber irgendwann muss der Patient ja auch wieder nach Hause und in die Wohnung zurück, die mit Schadstoffen belastet ist…

Dort sollte inzwischen etwas geändert worden sein, wobei der Grundsatz gilt, dass nichts, was neu gemacht wird, neue Schäden anrichten darf. Tatsächlich lässt sich das aber nicht immer durchsetzen: Behandlungskonzepte können an den sozialen Verhältnissen scheitern - wenn der Vermieter sich weigert zu renovieren und der Mieter dazu finanziell nicht in der Lage ist, aber auch, wenn jemand auf seine Arbeit angewiesen ist, bei der er aber mit krankmachenden Substanzen Kontakt hat.

Eine finanzielle Frage scheint es auch zu sein, ob man sich einen Umweltmediziner leisten kann. In Prenzlau müssen Patienten selbst bezahlen. Wie kommt es, dass Sie eine Kassenzulassung haben?

Fakt ist: Es gibt bis heute keine allgemeingültigen Abrechnungsziffern für umweltmedizinische Leistungen. Ich kann das Gros meiner Leistungen im Rahmen einer Sondervereinbarung mit der Kassenärztlichen Vereinigung in Nürnberg abrechnen, einzelne Untersuchungen muss aber auch ich privat in Rechnung stellen.

In Prenzlau setzt man darauf, mit erfolgreicher Arbeit die Kassen dazu zu animieren, die Kosten zum Beispiel im Rahmen eines Modellprojektes zu übernehmen. Das wäre mehr als begrüßenswert, denn mit umweltmedizinischen Maßnahmen könnte man im jetzigen Gesundheitssystem Unsummen einsparen. Heute wird nur symptomatisch behandelt - Umweltmedizin aber bedeutet, die Ursachen von Beschwerden aufzudecken und auszuräumen, was langfristig sehr viel Geld einsparen würde.

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