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17. Oktober 2017 | 13:46 Uhr

Mit Oskars Hilfe durch die schwerste Zeit

vom

svz.de von
erstellt am 05.Dez.2012 | 06:33 Uhr

Rostock | Darf eine Mutter sich wünschen, dass ihr Sohn stirbt? Darf ein Bruder fröhliche Ausflüge machen, während seine Schwester todkrank im Bett liegt? Dürfen Eltern ins Kino oder auf eine Party gehen, obwohl sie ein schwerstbehindertes Kind zu Hause haben?

"Bei uns dürfen sie alles sagen, über alles sprechen - wir urteilen nicht, sondern wir versuchen zu helfen", versichert Silke Strümper. "Wir kennen einen Fall, da stirbt der Junge praktisch seit zehn Jahren, seine Eltern wünschen ihm endlich Frieden und sich selbst Entlastung. Über so lange Zeit derartiges Leid zu sehen und nichts tun zu können - das ist seelisch fast nicht auszuhalten."

Die 46-Jährige engagiert sich seit fünf Jahren im Kinderhospizdienst "Oskar", der betroffenen Familien im Raum Rostock, Güstrow, Stralsund und Teterow zur Seite steht. Sie und 26 andere Menschen betreuen - meist zu zweit - die kranken Kinder, deren Eltern oder die Geschwister. Unter den Begleitern sind ein Lehrer und ein Tischlermeister genauso wie eine Medizinstudentin, eine Hausfrau oder ein Verkehrsplaner. Menschen zwischen 22 und 70 Jahren, die freiwillig und unentgeltlich Zeit und Kraft investieren, um anderen in schwerster Zeit beizustehen.

"Jede Familie hat andere Bedürfnisse, wenn sie ein sterbenskrankes Kind zu Hause betreut", weiß Silke Strümper. "Manchmal sind es eher die Eltern, denen wir helfen, wenn sie für kurze Zeit Entlastung brauchen. Dann bleiben wir bei den Kindern zu Hause, damit Mutter und Vater mal zu Freunden oder ins Theater gehen können."

Am allerwichtigsten aber sei ein Gegenüber, mit dem die Betroffenen über wirklich alles reden können. Ein Gesprächspartner, der zuhört, wenn die seelische Belastung ins Unermessliche wächst. Aber auch jemand, der bei alltäglichen Notwendigkeiten hilft, etwa wenn Anträge für die Krankenkasse ausgefüllt oder Pflegedienste gesucht werden müssen.

Die vertraute Umgebung hilft

Der Grundgedanke der Hospizbewegung war, Menschen, die bald sterben werden, zu Hause zu betreuen, damit sie bis zuletzt in vertrauter Umgebung sein können. Deshalb gibt es bis heute mehr ambulante als stationäre Einrichtungen für solche Fälle.

"Es ist ganz wichtig, dass die Kinder zu Hause sterben können", weiß Ines Borchardt, die selbst ihren Sohn verloren hat. "Es bedeutet, man hat viel mehr Zeit, und den Takt bestimmen nur der Sterbende und die Familie. Leider geht das zu oft nicht, weil die medizinische Versorgung so nicht möglich ist. Deshalb wäre die qualifizierte Palliativbetreuung zu Hause so wichtig."

Ines Borchardt und Silke Strümper, beide im Hauptberuf bei sozialen Vereinen tätig, gehören zu den Initiatorinnen des Kinderhospizdienstes in Rostock. Er wird gemeinsam von Diakonie und Caritas getragen. Jeder, der dabei ist, hat eine spezielle Ausbildung durchlaufen, in der auch die eigene Vergangenheit und Sterblichkeit Thema waren.

"Das war anstrengend, in seinem eigenen Morast zu wühlen", erinnert sich Silke Strümper. "Da soll man lernen, stark zu sein für andere, obwohl man selbst so viel Leid hat. Aber letztendlich hat es mir geholfen, und ich fühle mich gut ausgebildet."

In dem ersten Fall, den Ines Borchardt begleitet hat, litt ein Junge an einem Hirntumor. Der konnte zunächst erfolgreich bekämpft werden, aber plötzlich bildete sich ein neuer und es hieß, dem Jungen würde nur noch sehr wenig Zeit bleiben. Doch die Therapie schlug gut an, es ging ihm wieder besser, nur noch eine kleinere Operation wäre nötig, dann wäre er geheilt, meinten die Ärzte. Doch es gab Komplikationen, der Junge fiel ins Koma und starb nach wenigen Tagen. Der Vater durfte - durch Unterstützung von Ines Borchardt - ein paar Stunden bei seinem Sohn bleiben und Abschied nehmen. Nach der Beerdigung war die Begleiterin noch mehrere Monate für den Mann als Gesprächspartnerin da.

Derzeit betreut Ines Borchardt einen Fall, bei dem der Ausgang offen ist - es sieht so aus, dass das Kind wieder gesund wird. "In diesem Fall bin ich eher für die Mutter da und helfe bei organisatorischen Dingen", berichtet die 52-Jährige. "Wir gehen in unserem Angebot nicht vor den Familien her, sondern neben ihnen." Ein besonders wichtiger Teil der Hospizdienst-Arbeit betrifft die sogenannten Schattenkinder, also die Geschwister der Kranken. Ihr Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, nach Zuwendung gerät oft ins Hintertreffen, wenn Bruder oder Schwester in absehbarer Zeit sterben werden. "Diese Kinder sollen merken, sie sind auch noch da, werden beachtet und nicht vergessen."

Auch die Helfer brauchen Hilfe

Wie oft die Begleiter vom Kinderhospizdienst in die Familien gehen, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Einmal pro Woche ist die Regel, es kann jedoch wesentlich öfter sein. Auch über wie lange Zeit der Kontakt sich erstreckt, hängt von jeder einzelnen Geschichte ab. Silke Strümper hat gerade einer Mutter beigestanden, deren kleine Tochter schwer mehrfach behindert ist. Doch seit einigen Wochen fordert die Frau - trotz Nachfrage - keine Hilfe mehr bei "Oskar" an. Das ist ganz allein deren Entscheidung, wissen die Ehrenamtlerinnen. Oft sind es viele Monate der Hilfe. Für besonders wichtig hält Ines Borchardt, dass die Eltern auch nach dem Tod des Kindes noch eine Weile begleitet werden, wenn sie das möchten.

All das fremde Leid auszuhalten und zu verarbeiten, ist nicht einfach. Deshalb treffen sich die "Oskar"-Mitarbeiter regelmäßig zur Supervision - eine fachmännisch begleitete Runde, in der sie über ihre Fälle, die Probleme und natürlich über ihre eigene Belastung sprechen können.

"Wir lernen viel einfach vom Zuhören, wie es den anderen geht", sagt Ines Borchardt Die Arbeit bei "Oskar" hilft den beiden Frauen auch persönlich. Silke Strümper meint, sie sei sensibler geworden. Sie will vermitteln, die Zeit mehr zu genießen, die noch bleibt. Ines Borchardt sagt, nach dem Tod ihres Sohnes konnte sie durch diese Arbeit besser mit der Trauer umgehen, steht heute gelassener im Leben. "Es ist auch ein Halt nach dem Verlust, eine Aufgabe. Und ich habe wieder Lachen gelernt. Der Tod ist zwar ernst, aber der Weg bis dahin kann auch mal heiter sein - es sind immerhin Kinder."

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