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20. November 2017 | 20:24 Uhr

Merkels Dilemma, Röslers Coup

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erstellt am 20.Feb.2012 | 08:09 Uhr

Berlin | Krise? Zerwürfnis? Vertrauensbruch? Stand die schwarz-gelbe Koalition am Sonntag vor dem Abgrund? Am Tag danach beeilen sich Politiker von Union und FDP, den Eklat herunterzuspielen. Nein, die Machtprobe in der Präsidentenfrage werde sich nicht negativ auf die Zusammenarbeit des Regierungsbündnisses auswirken. Eine Drohung mit dem Ende der Koalition habe es nie ernsthaft gegeben. Die Liberalen genießen ihren Coup, vermeiden aber zumindest öffentlich allzu großes Triumphgeheul. Die Union hält sich mit Kritik am Regierungspartner zurück. Doch hinter den Kulissen brodelt es. Um 15.43 Uhr am Sonntag verbreitet die Deutsche Presse Agentur eine Eilmeldung. "Kreise: FDP unterstützt Gauck - einstimmiger Präsidiumsbeschluss", heißt es da, und die Kanzlerin ist außer sich. Den Beschluss hat FDP-Chef Philipp Rösler per Telefonkonferenz herbeigeführt und zwar während einer Unterbrechung der Beratungen aus dem Kanzleramt heraus. Aufgebracht, mit der brisanten Nachricht in der Hand, habe die Kanzlerin den Wirtschaftsminister nach der Beratungspause zur Rede gestellt. Merkel wird laut, Rösler gibt sich unerschüttert, macht der CDU-Chefin klar, dass seine Partei ihre Kandidatenvorschläge Bischof Huber und Klaus Töpfer nicht akzeptieren und sich für Gauck entscheiden werde, berichten Teilnehmer des Treffens. Die Rebellion kommt offenbar völlig überraschend für die Kanzlerin, doch so schnell will sie sich nicht geschlagen geben. Per Telefon sichert sich Merkel beim CDU-Präsidium ab. Ob jemand Joachim Gauck wolle, will sie von ihren Parteispitzen wissen. Niemand will. Doch Rösler bleibt hart, kippt nicht um. Ob er wisse, was das für die Koalition bedeuten würde, droht die Kanzlerin. Ob er womöglich Neuwahlen wolle. "Dann ist es vorbei", zischt Merkel ihren Vizekanzler an. Die Koalition am seidenen Faden. Als auch der Versuch misslingt, die SPD mit einem Lockangebot umzustimmen und den früheren Ersten Hamburger SPD-Bürgermeister Henning Voscherau als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten ins Rennen zu schicken und die FDP damit auszubooten, lenkt die Kanzlerin schließlich ein, stimmt notgedrungen dem Kandidaten Gauck zu und versucht schließlich, seine Kür als ihren Erfolg zu verkaufen. Der Schachzug des FDP-Chefs war von Wolfgang Kubicki, dem liberalen Fraktionschef im Kieler Landtag eingeleitet worden. Er verspricht sich so Rückenwind für die Landtagswahl in Schleswig-Holstein Mitte Mai. Röslers Coup, Merkels Dilemma - der Versuch der Kanzlerin, Gauck zu verhindern und einen anderen Konsenskandidaten zu präsentieren, schlägt fehl. Die CDU-Chefin, heißt es in der Unionsspitze, habe ein gutes Gedächtnis und werde diesen einmaligen Vorgang nicht vergessen.

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