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18. Dezember 2017 | 04:26 Uhr

"Mein Leben ist schon ziemlich paradox"

vom

svz.de von
erstellt am 27.Jan.2012 | 09:10 Uhr

Worms | Rund 200 000 Juden aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion kamen seit 1991 in die Bundesrepublik. Arkadi Chassin wollte eigentlich nie einer von ihnen werden. Zu sehr hing er an seiner Heimatstadt Odessa. Und nach Deutschland, in das Land der Täter von damals, zog ihn schon gar nichts: Chassin hatte nach dem deutschen Überfall das Elend im jüdischen Ghetto und die Zwangsarbeit im KZ überlebt. Schließlich entschied er sich trotz vieler Bedenken, die Ukraine zu verlassen.

Richtig angekommen ist der frühere Seemann und Buchautor bis heute nicht. Dass es ihn nach einem langen bewegten Leben ausgerechnet nach Deutschland, ausgerechnet nach Worms verschlug, findet er selbst bis heute verwunderlich: "Mein Leben ist schon ziemlich paradox." An seinen ersten Nachkriegskontakt mit Deutschen erinnert Chassin sich bis heute: Als im Hafen von Rostock Deutsch sprechende Männer an Bord kamen, erlitt er einen Nervenzusammenbruch: "Ich begann am ganzen Körper zu zittern und habe mich für eine Stunde in meiner Kajüte eingeschlossen."

In den 90er Jahren engagierte sich Chassin für eine Vereinigung jüdischer NS-Opfer, half Holocaust-Überlebenden, Entschädigungszahlungen zu beantragen. Aus gesundheitlichen Gründen beschloss er schließlich, selbst nach Deutschland zu ziehen, zumindest für einige Zeit. Er war lebensbedrohlich erkrankt, und Ärzte hatten ihm dringend zu einer Operation geraten, die in den maroden ukrainischen Staatskliniken nicht möglich gewesen wäre. Im Jahr 2000 gelangte Chassin mit seiner Frau über das Aufnahmelager in Osthofen ins nahe gelegene Worms.

Anfangs wollte Chassin wieder zurück in die Ukraine. Seine nichtjüdische Frau wollte bleiben, weil sie an dem ruhigen Leben in Deutschland Gefallen gefunden hatte. Weil seine Frau und er Probleme mit der deutschen Sprache haben, beschränkt sich ihr Bekanntenkreis weitgehend auf die Gemeinde russischsprachiger Emigranten. So wie ihm gehe es allen, die im Rentenalter nach Deutschland gekommen seien, meint Chassin: "Die Leute betrügen sich, wenn sie etwas anderes sagen."

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