Interview mit UEFA-Präsident Michel Platini : Mehr als 16 Teams? "Es wäre gut für die Engländer"

Er zieht ein erstes Fazit der EURO, er geht keiner Frage aus dem Weg. UEFA-Präsident michel platini im großen kicker-Interview.

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26. Juni 2008, 12:58 Uhr

Mehr als 16 Teams? "Es wäre gut für die Engländer"Interview mit UEFA-Präsident Michel PlatiniEr zieht ein erstes Fazit der EURO, er geht keiner Frage aus dem Weg. UEFA-Präsident Michel Platini spricht im großen kicker-Interview über die überraschend frischen Russen, eine denkbare Verschiebung der Europameisterschaft in den August und die Probleme mit dem Turnier 2012.Er zieht ein erstes Fazit der EURO, er geht keiner Frage aus dem Weg. UEFA-Präsident michel platini im großen kicker-Interview.
kicker: Wie hat Ihnen der bisherige Ablauf der EM gefallen?Michel Platini: Ich kann in allen Beziehungen nur von guter, sehr guter Qualität sprechen: die Organisation, die Infrastruktur, die Sicherheit, vor allem die Fans. Und natürlich waren die Spiele überaus interessant.kicker: Was hat Ihnen an den Spielen gefallen?Platini: Man spürt, dass die Spieler im Nationaltrikot eine andere Atmosphäre verströmen; hier geht es weniger um Geld, hier geht es um nationale Identität - sie kämpfen für die Nationalfarben! Und sie wissen, dass sie erst im Nationaltrikot weltweit richtig populär werden. Siehe Pelée oder Zidane, die erst durch die Weltmeisterschaft überall zu absoluten Stars avancierten.kicker: Gab es für Sie überraschende Erkenntnisse?Platini: Dass die Russen wesentlich frischer auftreten als all die anderen. Aber dies hatte ich schon als Spieler immer wieder gespürt, dass sie bei einem solchen Turnier mehr Kräfte frei machen können, weil sie erst am Anfang ihrer Saison stehen, während die anderen Spieler nach Beendigung ihrer Saison ausgelaugt sind. Das ergibt einen klaren Vorteil für die Russen.kicker: Kann man da gleiche Voraussetzungen schaffen?

"Die EURO vielleicht erst im August"Platini: Wir müssen uns überlegen, ob wir die EM vielleicht an die Zeiten, wie sie in Europa normal sind, anpassen, etwa im Vorfeld der neuen Saison, also im August. Und die Länder mit zahlenmäßig größeren Ligen sind natürlich auch benachteiligt. Aber das ist eine nationale Angelegenheit.kicker: Hat Sie etwas überrascht?Platini: Ja, es gibt taktisch keine wirklichen Zehner mehr, so wie ich ihn verkörpert habe. Deco mag die Ausnahme darstellen. Ansonsten verteilen sich die offensiven Mittelfeldspieler mehr auf feste Halbpositionen.kicker: Sehen Sie taktisch neue Erkenntnisse?Platini: Mir bedeutet die Taktik nicht so viel. Die Taktik soll sich nach der Qualität der Spieler richten und nicht umgekehrt. Egal, ob es dann mit einem 4-4-2 oder 3-5-2 oder gar 8-1-1 abläuft. Nicht der Trainer gewinnt, sondern die Spieler.kicker: Genießen Sie die Offensivkultur der Spiele?Platini: Wissen Sie, das ist doch mentalitätsbedingt. In Frankreich gilt ein 3:3 als wunderbar, in Italien bedeutet es eine Katastrophe. Ich mag die positiv denkenden Teams, die nach vorne spielen. Aber jedes Team besitzt eine ureigene nationale Kultur.kicker: Wer ist Ihr Favorit im Finale?Platini: Wer die Holländer so deutlich geschlagen hat, muss schon sehr gut Fußball spielen können.kicker: Warum ist der Spielplan so angelegt, dass man im Halbfinale auf den ursprünglichen Gruppengegner treffen kann?Platini: Das war ein Wunsch der Trainer nach der letzten EM, dem wir letztendlich nachgekommen sind. Begründet wurde der Wunsch damit, dass so kein Team durch eine wesentlich kürzere Pause als der Gegner benachteiligt werden kann.kicker: Wird die nächste EM mit mehr als 16 Teams gespielt?Platini: Am 28. 6. treffen wir uns zu einer ausführlichen Besprechung. Im September fällt die endgültige Entscheidung. Ich glaube, es wäre sicherlich gut für die Engländer ...kicker: Wann fällt eine Entscheidung, ob Polen und die Ukraine wirklich die nächste EM ausrichten?Platini: Wir sind mit einer Delegation am 2. und 3. Juli vor Ort und werden alles genau unter die Lupe nehmen. Im September werden wir dann die Entscheidung bekannt geben. Im Übrigen ist es für uns kein Problem, ob wir einen oder zwei Ausrichter in der Zukunft haben. Die UEFA organisiert ohnehin die gesamte Abwicklung. Der Ausrichter muss die Voraussetzungen der Infrastruktur schaffen.

6+5? "Der Vorstoß ist schon verloren"kicker: Anderes Thema: Die 6+5-Regel. Glauben Sie an die Umsetzung des FIFA-Vorstoßes bei der EU?Platini: Niemals. Wir müssen lernen, mit den bestehenden Gesetzen zu leben. Ich weiß, dass dieser Vorstoß jetzt schon verloren ist!kicker: Sind Sie für die Neueinführung des Spiels um den 3. Platz wie bei der WM?Platini: Nein, da spielen ja ohnehin nur Reservisten mit. Es macht höchstens Sinn, wenn der Gastgeber dabei ist, wie vor zwei Jahren in Stuttgart, sonst interessiert sich doch kein Mensch für ein Spiel zweier Verlierer.kicker: Die Diskussion um Finanzprobleme im Fußball greift mehr und mehr um sich.Platini: Ich halte es für eine ganz wichtige Aufgabe, mit den Klubs ernsthaft darüber zu reden. Es gibt mehrere Probleme, vor allem müssen wir Wert auf die Bonität der Klubs legen. Wir werden in drei bis vier Jahren so weit sein, dass wir keinen Klub mehr in die Champions League lassen, der nicht auf finanziell gesunden Füßen steht. Wenn Real Madrid 100 Millionen Euro für Cristiano Ronaldo übrig hat, dann soll der Klub ihn holen. Ich bin mir mit Karl-Heinz Rummenigge einig, dass die Ausgaben für Spieler mit dem Gesamtumsatz korrespondieren sollen.kicker: Der FC Porto wurde wegen Korruption erst aus der Champions League ausgeschlossen, dann wieder zugelassen.Platini: Ich halte das für sehr ärgerlich und bin tief unglücklich darüber. Aber leider hat der portugiesische Verband seine Meinung geändert und wir mussten uns dem fügen. Korruption muss sehr streng geahndet werden.kicker: Es gibt immer mehr Abwerbeversuche schon bei Talenten im Kindesalter. Kann die UEFA nicht ein Stoppzeichen setzen?Platini: Wir werden dafür Regeln schaffen, dass auf internationaler Basis nicht mehr vor dem 18. Geburtstag gewechselt werden darf. Und wir plädieren sehr dafür, dass man die Talente auch wirklich spielen lässt. Sie müssen in ihrer Entwicklung geschützt werden.Rainer Holzschuh


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