Mecklenburgs schwarzer Sonntag

<fettakgl>Nazi-Führer  Adolf Hitler</fettakgl> bei einer Wahlkampfveranstaltung 1932 in Mecklenburg. <fettakgl>Hochzeit in Severin bei Parchim:</fettakgl> Joseph Goebbels  und  Braut Magda, im Hintergrund Trauzeuge Hitler. Das Paar nahm sich  am 1. Mai 1945  vor der anrückenden Roten Armee das Leben.
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Nazi-Führer Adolf Hitler bei einer Wahlkampfveranstaltung 1932 in Mecklenburg. Hochzeit in Severin bei Parchim: Joseph Goebbels und Braut Magda, im Hintergrund Trauzeuge Hitler. Das Paar nahm sich am 1. Mai 1945 vor der anrückenden Roten Armee das Leben.

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30. Januar 2013, 10:23 Uhr

Rostock | Es ist ihr letzter Brief, die letzten Zeilen an die Mutter. "Die Uhr ist zehn, morgen früh dreiviertel sechs hört für mich das Leben auf", schreibt Luise Bukow am 27. April 1942 in ihrer Gefängniszelle in Bützow-Dreibergen.

Das Mädchen hatte drei Tage zuvor die zweite Bombennacht in Rostock nur mit Not überlebt. Ihr Haus war von Brandbomben völlig zerstört worden. Traumatisiert wollte die 19-Jährige nur noch zur Mutter nach Hamburg, hatte aber kein Geld für eine Fahrkarte. Im Luftschutzkeller lag eine Brieftasche. Sie nahm sich 70 Reichsmark. Nachdem Polizisten das Mädchen festgenommen hatten, verurteilte ein Rostocker Gericht sie wegen Plünderei zum Tode. In Bützow wurde das Urteil vollstreckt.

"Mein liebes Mütterlein, darfst nicht traurig sein", schreibt sie in ihrem letzten Brief, der im vergangenen Jahr im Band "Rostock im Feuersturm" veröffentlicht wurde. "Wäre der Krieg doch zu Hause geblieben."

Jede Geschichte hat eine Vorgeschichte. Adolf Hitler kam am 30. Januar 1933 an die Macht. Der größte Kriegstreiber aller Zeiten zeigte sich der jubelnden Masse am Fenster der Reichskanzlei. Seine Sturmabteilungen marschierten stundenlang durch das Brandenburger Tor.

Auch in Rostock und Schwerin marschierte die SA am Tag der Machtergreifung mit Fackeln auf. Der Freistaat Mecklenburg-Schwerin war dieses Mal der Zeit weit voraus. Am 13. Juli 1932 wählte der Landtag mit dem Gutsverwalter Walter Granzow einen Nazi zum Ministerpräsidenten. An jenem Mittwoch soll es wie aus Kannen gegossen haben. Ein schweres Gewitter tobte über Schwerin "wie ein böses Omen", schreibt der Doberaner Publizist Hermann Langer in seinem Buch "Leben unterm Hakenkreuz".

Die NSDAP hatte zuvor bei der Landtagswahl am 5. Juni mit 48,9 Prozent der Stimmen ihr bis dahin bestes Wahlergebnis bei einer Parlamentswahl überhaupt erzielt.

Am Sonntag vor der Mecklenburg-Wahl war den Nazis bereits im kleineren Freistaat Oldenburg die absolute Mehrheit mit 48,38 Prozent gelungen. Auch im benachbarten Freistaat Mecklenburg-Strelitz regierte die NSDAP seit März 1932 - allerdings nur als Juniorpartner der Deutschnationalen. Denn in Strelitz hatten die Nazis nur 23,86 Prozent der Wähler hinter sich.

Prignitz, Uckermark und Pommern wurden dagegen als Bestandteil Preußens von der Reichsregierung direkt regiert. Landtag und Landesregierung spielten nach dem Staatsstreich vom 20. Juli 1932 in Preußen keine Rolle mehr. Reichskanzler Franz von Papen hatte unter Bruch der Verfassung die Landesregierung durch eigene Reichskommissare ersetzt.

Der Erfolg der Faschisten in Mecklenburg hatte viele Ursachen. Die Weltwirtschaftskrise und ihre Folgen hatten die Bevölkerung radikalisiert. Im Land dominierten kleinere und mittelgroße Betriebe, die kaum krisenresistent waren. Die Arbeitslosigkeit erreichte Höchststände.

Hinzu kam, dass sich die konservativen Eliten Mecklenburgs den Nationalsozialisten so schamlos anbiederten, wie wohl sonst nirgendwo in Deutschland. Friedrich Franz Herzog zu Mecklenburg war bereits 1931 Mitglied der NSDAP. Hennecke von Plessen, Großgrundbesitzer in Langen Trechow bei Bützow und Vize der einflussreichen "Herrengesellschaft Mecklenburg" und andere Junker folgten dem Erbgroßherzog in die NSDAP.

Zudem führten die Nazis einen intensiven Wahlkampf, wie ihn Mecklenburg zuvor nicht erlebt hatte. Hitler selbst trat in der Woche vor der Landtagswahl gleich auf vier Großveranstaltungen in Rostock, Schwerin, Wismar und Güstrow auf. Gutsbesitzer brachten ihre Landarbeiter mit Sonderzügen zu den Kundgebungen. NS-Gauleiter Friedrich Hildebrand versprach den Wählern alles - den Tagelöhnern sogar eine Bodenreform zu ihren Gunsten.

Eine wichtige Rolle spielte das Gut Severin zwischen Schwerin und Parchim. Der Ort an der Bundesstraße 321, ist heute durch den Fleischbetrieb "Mecklenburger Landpute" bekannt. Damals gehörte das Gut dem Industriellen Günther Quandt, Begründer der Quandt-Dynastie, der heute unter anderem 46,8 Prozent des BMW-Konzerns gehören. Günther Quandts Enkeltochter, Susanne Klatten, ist laut Forbis mit einem geschätzten Vermögen von 14,6 Milliarden Dollar die reichste Frau Deutschlands. Damals verwaltete das Gut Quandts Schwager Walter Granzow. Nazigrößen trafen sich regelmäßig dort. Am 19. Dezember 1931 heiratete Berlins Gauleiter Joseph Goebbels in Severin Magda Quandt. Hitler kam als Trauzeuge. Magda war zuvor von dem viel älteren Günther Quandt geschieden worden.

Doch nach der gewonnenen Landtagswahl am 5. Juni 1932 ging es mit den Faschisten in Mecklenburg bergab. Ihre Wahlversprechen erwiesen sich als unhaltbar. Bei der Reichstagswahl am 6. November 1932 verlor die NSDAP fast 43 000 Wähler und kam nur noch auf 36,9 Prozent. "Dass die NSDAP den Höhepunkt ihrer Wahlerfolge längst überschritten hatte, wurde nirgendwo deutlicher sichtbar als im mecklenburgischen Wahlkreis", schreibt die Historikerin Beate Behrens in "Mit Hitler zur Macht".

Die Inthronisierung Hitlers am 30. Januar 1933 in Berlin hielt die Nazis in Schwerin an der Macht. Mit zwei Gleichschaltungsgesetzen wurden noch im selben Jahr der Schweriner Landtag entmachtet und die Landesregierung dem NS-Gauleiter von Mecklenburg und Lübeck, Friedrich Hildebrandt als Hitlers Reichsstatthalter unterstellt. Neuer Ministerpräsident und Nachfolger von Walter Granzow wurde 1933 der NSDAP-Landtagsabgeordnete und Gutsbesitzer Hans Egon Engell.

Der SS-Mann im Range eines Oberführers machte nach dem Zusammenbruch des Nazi-Reiches 1945 auch in der Bundesrepublik Karriere. Engell wurde für den Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten 1953 in den Bundestag gewählt und war 1957 sogar stellvertretender Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Angelegenheiten der inneren Verwaltung.

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