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19. November 2017 | 11:28 Uhr

Mars und zurück: 520 Tage Einsamkeit

vom

svz.de von
erstellt am 04.Nov.2011 | 12:27 Uhr

Luke auf für den Schlussakt des längsten Isolationsexperiments der Raumfahrt: Nach 520 Tagen Einsamkeit beenden sechs Männer heute eine virtuelle Reise ins All. „Die freuen sich auf den Ausstieg wie Kinder auf Heiligabend“, sagt Martin Zell von der beteiligten Europäischen Weltraumbehörde Esa. Bei dem spektakulären Projekt in Moskau simulierten Teilnehmer aus China, Russland, Frankreich und Italien seit dem 3. Juni 2010 einen Flug zum Mars und zurück, streng abgeschirmt in einem Container. Nun kehren sie zurück, obwohl sie – genau genommen – nie weg waren.


Mischung aus Sauna und Dachstuhl

„Die Simulation ist viel schwieriger als ein wirklicher Flug“, beschreibt Elektroingenieur Diego Urbina (siehe rechts), einer der sechs „Marsianer“, die Stimmung in dem mehr als 180 Quadratmeter großen „Raumschiff“. Im Gegensatz zu einem wirklichen Flug zum mehr als 50 Millionen Kilometer entfernten Planeten fehlten beim Experiment Schwerelosigkeit und kosmische Strahlung. Mehr als 30 Kameras übertragen das Geschehen im Container – bis auf eine je drei Quadratmeter „große“ Privatkammer - in einen nahen Kontrollraum des russischen Instituts für Biomedizinische Probleme (IMBP). Dort ist auf einem der Bildschirme zu sehen, wie Urbina während des Gesprächs bequem in T-Shirt und kurzer Turnhose vor einer Holzvertäfelung sitzt, die sowjetischen Charme verbreitet. Der größte Gegner sei der Alltagstrott, gesteht der 28-Jährige. „Eine Frau an Bord wäre sicher gut. Man vermisst das, ganz ehrlich.“

Urbina hat noch Glück. Mit dem Russen Alexander Smolejewski und dem Chinesen Wang Yue durfte er im Februar den röhrenförmigen Container kurz verlassen: für die virtuellen ersten Schritte eines Menschen auf dem Mars. Forscher hatten ein Stück des Roten Planeten im IMBP nachgebaut. Alexej Sitjow und Suchrob Kamolow (beide Russland) sowie Romain Charles aus Frankreich mussten im „Mutterschiff“ auf ihre Kollegen warten.

Um die Besatzung auf Trab zu halten, dachte sich die „Bodenstation“ dutzende Experimente aus und inszenierte Pannen. Fast 12 500 Stunden in einem fensterlosen Container, „der aussieht wie eine Mischung aus finnischer Sauna und ausgebautem Dachstuhl der 1970er-Jahre“ – so beschreibt das beteiligte Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) das Modul wenig schmeichelhaft. Beim ersten Langzeitexperiment der Mars-Forscher vor zwei Jahren verbrachte unter anderem der Düsseldorfer Oliver Knickel 105 Tage im Moskauer „All“.


Ein kleiner, aber wichtiger Schritt

Mars500 bringe wortwörtlich „lebensrettende Erkenntnisse“, betont Alexander Suworow vom IMBP. „Den Mars sehen und nicht sterben, darum wird es gehen bei einem wirklichen Flug zum Roten Planeten.“

„Ich bin sicher, dass dies ein kleiner, aber wichtiger Schritt auf dem Weg zum Mars war“, sagt Peter Gräf vom DLR. Da Experten Leben auf dem Mars nicht ausschließen, ist der erdähnlichste Planet im Sonnensystem für sie besonders spannend. 17 Monate auf sich gestellt, rund um die Uhr überwacht von Kameras – alles im Dienst der Wissenschaft. Auch in Deutschland sorgen die Resultate für Euphorie. „Diese geschlossene Gesellschaft war ein Paradies für Forscher“, sagt Alexander Choukèr von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Der Anästhesist nutzte die Isolation der Raumfahrt-WG, um mit Hilfe ihrer Urin- und Speichelproben die Wirkung von Stress auf das Immunsystem zu untersuchen. Parallel analysierte die Universität Erlangen die Balance des Salz- und Wasserhaushalts, erzählt der Arzt Jens Titze. „Die Ergebnisse werden lange Bestand haben.“

Wang Yue freut sich unbändig auf den Ausstieg: „Ich habe Sehnsucht nach der Kochkunst meiner Mutter“, gesteht der Chinese nach dem strikten Ernährungsdiktat der Forscher. Zwar hatte das „Raumschiff“ vier Tonnen Lebensmittel an Bord. Asiatische Küche war aber nicht dabei.

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