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17. Oktober 2017 | 04:11 Uhr

Marathon für Meister Lampe

vom

svz.de von
erstellt am 21.Apr.2011 | 01:08 Uhr

Der Hase ist in aller Munde: 100 Millionen Schoko-Hasen im Gesamtwert von 100 Millionen Euro vernaschen die Deutschen übers Jahr. Eine halbe Million Feldhasen bringen deutsche Waidfrauen und -männer jährlich zur Strecke.

Auch Tina Oelker, 37, ist dem Niederwild auf den Pelz gerückt - als Malerin. Die prominente Hasen-Künstlerin verfolgt ein ehrgeiziges Ziel: Sie will 1000 Hasen auf die Leinwand bannen. Jeden Tag ein neues Langohr, jeden Tag ein bisschen anders. Gnadenlos. In all ihren Porträts auf Leinwand malt die Ehrfurcht vor der Wildheit des Tieres mit. "Hasen sind äußerst widerspenstig und lassen sich in Gefangenschaft nicht halten." Jetzt, kurz vor Ostern, ist der 420. Hase bewältigt. Und das Publikum im In- und Ausland giert nach Oelkers Mümmelmännern: "Die sollen ihren Hasen bekommen."

Die Goldschmiede-Tochter aus dem westfälischen Hamm ist nicht allein: Hasen verstecken sich überall: Sechs Millionen Schmusetiere hüpfen durch deutsche Kinderzimmer. 50 Millionen Internetseiten beschäftigen sich bei Google mit den "Rabbits". Mehr als 100 000 Mal- und Bastelvorlagen im Netz geben Tipps, wie der schönste Hase am besten gebaut oder gemalt wird.

Kaum ein Tier ist so wandlungsfähig wie der Hase. Unzählige Maler, Bildhauer, Designer, Poeten und Regisseure haben ihn bis heute thematisiert. Mit Gemälden und Aquarellen, Kupferstichen, Holzschnitzereien und Glasbildern, in unzähligen Comics und TV-Serien. Hasen warben schon für schwäbisch-bayerisches Bier, hopsten auf römischen Bronzefibeln, Antwerpener Kacheln und chinesischen Münzen. Museen in München und in Eppelheim bei Heidelberg präsentieren tausende von Hasen-Objekten aus aller Welt: Postkarten, Miniaturen, Scherenschnitte, Roller fahrende Hasen, Hasen-Musikanten, Räucher-Hasen aus dem Erzgebirge, Hasen-Backformen aus Weißblech, Osterhasen aus Stoff, mit Baumwolle ausgestopft.

Mit Hasen-Märchen geizt allerdings der deutsche Sprachraum. Goethe und der norddeutsche Dichter und Übersetzer Johann Heinrich Voß (1751 - 1826) setzten dem Hasen mit der Ballade "Reineke Fuchs" ein literarisches Denkmal.

Die illusionistische Verklärung des bürgerlichen Milieus verkörpert das berühmteste aller Hasenbücher: Die "Häschenschule" von Fritz Gotha Koch (Illustration) und Albert Sixtus (Text). Millionen Reprints haben seit der Erstausgabe von 1924 den Markt überschwemmt.

In der Mythologie taucht der Lepus europaeus schon seit Jahrtausenden auf: Für Griechen und Römer strahlte er Lebenskraft aus. Als Freyas Diener symbolisierte er bei den Germanen den Frühling. Azteken und Chinesen verehrten ihn als Mondtier. Die Tartaren in Südrussland sahen in dem Steppenhüpfer den Schöpfer des Lichts.

Nicht immer ist der Hase willkommen: Den Juden galt er von alters her als unrein, zügellos in seiner Sexualität und Wollust.

Ein Teufelsbraten auch für jeden keuschen Christen, warnte Papst Zacharias und verbot im Jahre 751 den Verzehr von Hasenfleisch.

In der sakralen Kunst des Mittelalters und der Neuzeit fehlt der Hase dennoch auf kaum einem Schöpfungsbild. Seine Schnelligkeit und Fruchtbarkeit bewundernd, schufen Genies wie Tizian, Dürer und Schongacher unsterbliche Hasen-Bilder. Hasen-Motive begegnen uns in zahllosen Kirchen und Kathedralen: u. a. in den Domen zu Köln, Paderborn, Münster/Westfalen und Königslutter sowie im Freiburger Münster.

Der prominenteste aller Kunst-Hasen zeigt uns seit mehr als 500 Jahren seine Blume: Dürers Feldhase von 1502. Die berühmteste Tierstudie europäischer Malerei wurde immer wieder kopiert. Vor allem im 19. Jahrhundert gehörten Reproduktionen des Nürnberger Langohrs zum festen Inventar bürgerlicher Wohnstuben. Mittlerweile gedeihen selbst Kopien zu Wandaktien. Ein Dürer nachempfundenes Aquarell des Nürnberger Künstlers Hans Hoffmann von 1582 erzielte 2007 bei Sothebys in New York stattliche 2,65 Millionen Dollar.

Auch zeitgenössische Künstler haben Dürers Hasen immer wieder neu entdeckt. Dieter Roth (1930 - 1998) formte den Dürer-Hasen aus Hasenmist, Klaus Staeck sperrte das Tier in einen engen Holzkoffer. Für Joseph Beuys (1921 - 1986) war der Hase das "Symbol für die Inkarnation" schlechthin: "Der Hase bin ich!" Der Exzentriker schloss sich mit einem toten Hasen in der Galerie ein und erklärte ihm die Bilder, hoffend, ein toter Hase begreife ihre Bedeutung eher als der gesunde Menschenverstand. "Erst durch den Hasen fand ich Zugang zu Beuys Arbeiten", sagt Hasen-Malerin Tina Oelker.

Dürers Aquarell lässt sich kaum blicken: Der Hasen-Stall in der Wiener Albertina öffnet sich aus konservatorischen Gründen nur zu spektakulären Anlässen - vor hochrangigen Staatsgästen oder zu großen Jubiläen wie zum 500. Geburtstag des Renaissance-Aquarells vor neun Jahren.

Längst ist der kleine Star aus Nürnberg zum weltweiten Exportschlager avanciert: Er schlägt Haken in Schulbüchern, feiert millionenfach Auferstehung, als Kuscheltier, in Kunststoff und Gips, goldgefasst, auf Straußeneiern, Plastiktüten, Slips, Postern und Schreibblöcken.

Das Hasenfieber ist ungebrochen: Hasenkostüme aus Latex mit Sehschlitzen tauchen im Karneval auf. Busen-Greis Hugh Hefner, Herausgeber des Männer-Magazins "Playboy", steckte seine Kellnerinnen in den Playboy-Clubs in umgenähte Badeanzüge mit Puschelschwänzchen auf dem Po - Anschauen erlaubt, Anfassen verboten. Disneys Häschen Klopfer im "Kinofilm" Bambi und das pfiffige Trickfilm-Karnickel Bugs Bunny begeistern ein Millionenpublikum.

Auch Hasen-Malerin Tina Oelker macht Ernst: Sie möchte bald ihren Jagdschein machen, mit Jägern auf die Pirsch gehen. Den Hasen zur Strecke bringen, bevor er ihr zur Obsession wird. Einem Karnickel hat sie schon einmal das Fell über die Ohren gezogen. Es soll geschmeckt haben: "Hasen sind schließlich keine Kuscheltiere."

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