Mal völlig blank, mal stark wie Drahtseile

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02. September 2012, 10:12 Uhr

„Himmel“, sagt ein gestresster Mensch, „gestern war ich aber echt kurz vor einem Nervenzusammenbruch!“ War er natürlich in der Regel ganz und gar nicht, sondern allenfalls genervt – auch das so ein seltsames Wort über unsere nervösen Leitungsbahnen im Körper, denn zum Glück sind wir Menschen alle „genervt“, also mit Nerven durchzogen, weil wir sonst wie ein dumpfer Fleischklops empfindungslos und wie gelähmt in der Gegend herumlägen. Von einem Nervenzusammenbruch im klinischen Sinne aber spricht man nur, wenn jemand eine extreme seelische Belastung mit seinen Mitteln nicht mehr meistern kann und dann völlig betäubt wirkt oder im nächsten Moment „völlig ausflippt“, wie der Volksmund sagt, also zwischen Ohnmacht, Trauer und Wut extrem hin und her schwankt.

Nerven wie Drahtseile wären eine Katastrophe

Die Reaktionen unserer Psyche auf äußere Anforderungen – bisweilen auch auf äußerste – haben einen bunten Strauß an Redensarten hervorgebracht, deren wir uns ständig bedienen, ohne darüber nachzudenken. Von einem tollkühnen Seiltänzer, der ohne Sicherheitsnetz über eine Hochhausschlucht balanciert, heißt es zum Beispiel: „Der hat vielleicht Nerven!“. Doch schon ein anderer Beobachter könnte zu einer völlig andere Diagnose gelangen und behaupten, der Artist zeige gerade „keine Nerven“ – also was nun? Doch Sprache ist nun einmal nicht logisch oder konsequent.

Offensichtlich falsch ist der Spruch, ein Mensch besitze Nerven wie Drahtseile. „Hier orientiert sich der Volksmund an Telefonkabeln und Elektrodrähten und nimmt an, je dicker der Draht, umso stabiler ist er auch“, sagt die Sprachwissenschaftlerin Dagmar Schmauks von der Technischen Universität Berlin, die sich intensiv mit Redensarten beschäftigt. So wünschenswert es auch klingen mag, drahtige Nerven zu haben: Es wäre eine Katastrophe. Dann nämlich stünden wir ständig – und obendrein am ganzen Körper – buchstäblich unter Strom. Wir würden mit allen Gliedern gleichzeitig zappeln, wenn das Hirn doch eigentlich nur den Befehl zum Beugen des linken Ringfingers geben möchte.

Beklemmend ist auch die irrige Vorstellung, unsere Nerven könnten zum Zerreißen gespannt sein – wie ein von der Kälte verkürztes Telefonkabel oder eine Wäscheleine, die übertrieben stark festgezurrt worden ist. Ein überspannter Mensch hat keine zu kurzen Nerven, sondern allenfalls überreizte Sinne.

Der raubt mir noch den letzten Nerv

„Umgangsprachlich scheinen viele Sprachbilder aus der Elektrotechnik entlehnt zu sein“, sagt der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther und nennt eine mögliche Ursache: „Das Prinzip der elektrischen Weiterleitung von Nervenimpulsen ist zeitgleich zu wichtigen Fortschritten in der Elektrotechnik gefunden worden.“
Jedenfalls muss es die Menschen sofort elektrisiert haben, sich ihren Körper als eine Art Elektromotor mit hohem Fleischanteil vorzustellen. Und sogleich hatten sie Angst, irgendwann einmal entnervt zurückzubleiben: Schließlich will niemand die Nerven verlieren. Besser, man ist mit den Nerven am Ende, als dass einem ein nerviger Mensch auch noch den letzten Nerv raubt.

Erfreulich an all diesen Redensarten ist, dass sie belegen, wie wichtig den allermeisten Menschen die Gesundheit ihrer Psyche inzwischen ist. Jemandem auf den Nerven herumzutrampeln, ist kein Kavaliersdelikt, sondern eine böswillige, zumindest gedankenlose Frechheit – in der reizüberfluteten Welt von heute noch eher als vor 100 oder gar 200 Jahren. Allerdings steckt hinter der Sorge um das eigene Nervenkostüm auch die Angst, nach einem Nervenzusammenbruch als verrückter Sonderling abgestempelt zu werden: lieber ein Held der Arbeit mit einem ordentlichen Herzinfarkt, als ein geistesgestörter Psycho, der zum Nervenklempner muss. Wobei, wer so etwas sagt, zumindest ahnen sollte, dass es bei den Psychiatern und Psychotherapeuten nicht mit einem kräftigen Kniff mittels Rohrzange getan sein dürfte.

Gut, dass unsere Nerven blank liegen

Es dürfte hingegen überraschen, dass unsere Nerven nicht nur blank liegen können, sonder dies zum Glück auch tun, zumindest stellenweise. Doch der Reihe nach: Ein Nerv besteht aus einem Bündel von Axonen – faserartigen Fortsätzen, die eine Nervenzelle (Neuron) ausbildet, um sich mit anderen Nervenzellen zu Netzwerken zu verbinden. Nähme man die Aussage „Sie war nur noch ein Nervenbündel“ also wörtlich, könnte man die betreffende Frau auch als „Bündel aus Axon-Bündeln“ bezeichnen – was aber Stirnrunzeln hervorrufen würde.

„Die typischen Nerven, wie wir sie zum Beispiel in den Armen oder Beinen haben und die unsere Bewegungen steuern, sind weiß, weil sie von so genannten Myelin-Scheiden umhüllt sind“, erklärt Gerald Hüther ihren Aufbau. Die weißen, fettreichen Hüllen stabilisieren die Nervenfasern und isolieren sie elektrisch gegenüber der Umgebung, vor allem aber gegenüber anderen Axonen – dies nicht etwa, um eine Art Kurzschluss zu verhindern, sondern um einen Erregungsimpuls eindeutig und in voller Stärke ans Ziel zu bringen. Im Hirn sind die Nervenfasern durch einen eigenen, nur dort vorkommenden Myelin-Typ (so genannte Oligodendrozyten) umhüllt.

Doch die Myelin-Scheiden, auch Markscheiden genannt, sollen die Nerven nicht nur nach außen isolieren; sie lassen uns auch schneller handeln: „Durch die Umwicklung kommt der elektrische Impuls in den Nervenfasern schneller voran“, fügt Hüther eine zweite wichtige Aufgabe der Hüllen hinzu. Fachleute wie er sprechen – wenn auch ein wenig irreführend – von der saltatorischen („hüpfenden“) Erregungsweiterleitung. Die Markscheiden sind nämlich in regelmäßigen Abständen durch Einschnürungen unterbrochen, an denen die Axone in der Tat blank liegen. Zwischen diesen Schnürringen springt der Erregungsimpuls der Faser gewissermaßen voran, immer in Richtung seines Ziels – und das mit einem Affenzahn von bis zu 120 Metern pro Sekunde, über 400 km/h schnell. Nur durch die Kombination aus Markscheide und Schnürringen wird dieses hohe Tempo erreicht. Und wir alle profitieren tagtäglich davon.

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