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25. November 2017 | 01:20 Uhr

Mahner, Moralist und Bürgerpräsident

vom

svz.de von
erstellt am 08.Aug.2012 | 09:34 Uhr

Er ist ein Mahner. Und ein Moralist im besten Sinne. Das Leben des Joachim Gauck kennt tiefe Brüche. Zwei Diktaturen hat er erlebt und ihren Kollaps. Das Ende der DDR war der Beginn seiner Zeit als Chef der Stasi-Unterlagenbehörde. Und damit wurde er zum Aufarbeiter. Das passt zu seinem Lebensthema: Freiheit.

"Ich bin so was wie ein reisender Demokratie-Lehrer", sagt er in einem Fernsehinterview im Februar. Damals ging es um die Nominierung als Bundespräsident. Die zweite Nominierung. Eigentlich die dritte. Denn, woran sich die wenigsten noch erinnern: Joachim Gauck wurde bereits 1999 auf das Amt angesprochen. Der ehemalige Ministerpräsident und CSU-Chef Edmund Stoiber hatte Gauck als möglichen Bundespräsidenten ins Spiel gebracht. Der Rostocker hatte es abgelehnt.

2010 als 70-Jähriger hingegen wollte er es noch einmal wissen, als Überraschungskandidat von SPD und Bündnisgrünen. Gut, das würde Gauck selbst wohl anders formulieren. Er wurde gefragt und hat "Ja" gesagt. Aber: "Ich bin Realist, und ich kann auch zählen. Ich habe in meinem Leben Ereignisse erlebt, die lange als unwahrscheinlich galten. Deshalb gehe ich mit einer fröhlichen Gelassenheit auf den 30. Juni zu. Und ich werde da stehen und mich freuen, so wird es sein", sagte er in einem Interview 2010. Das ist typisch Gauck.

Der evangelische Pfarrer aus Rostock gilt als brillanter Redner, an Selbstbewusstsein mangelt es ihm nicht. Manche nennen es Eitelkeit. Aber die muss ja nicht schaden, solange man sich nicht in ihren Fängen verfängt. "Sie haben sich in herausragender, unverwechselbarer Weise um unser Land verdient gemacht", lobt ihn Angela Merkel wenige Tage vor Gaucks 70. Geburtstag im Januar 2010. "Als Bürgerrechtler, politischer Aufklärer und Freiheitsdenker. Als Versöhner und Einheitsstifter in unserem jetzt gemeinsamen Land."

Und er selbst sagt von sich zwei Jahre später, als er dieses Mal von der CDU und CSU, SPD und Bündnisgrünen und der FDP als 12. Bundespräsident nominiert wird: "Ich bin angekommen, obwohl ich nie einen Fahrplan gesehen habe. Voller Überraschung erlebte ich, dass man selbst als Mecklenburger populär werden kann." Gauck schmunzelt dabei, sein Understatement ist überragend.

Dieser Satz passt zum morgigen Tag. Dem Tag, an dem Joachim Gauck nun auch die Ehrenbürgerwürde seiner Heimatstadt erhält. Nachdem der Rostocker als Bundespräsident im höchsten politische Amt angekommen ist und auf die wohl größte politische Popularität in der Bundesrepublik verweisen kann, konnten sich auch die Senatsherren und -damen der Hansestadt Rostock durchringen, ihm die höchste Würde ihrer Stadt zu verleihen. Seiner Heimatstadt. Verdient hätte sie Joachim Gauck wohl schon vor zwanzig Jahren. Nun gut.

Gauck kam 1940 in Rostock zur Welt. Sein Vater verschwand für lange Zeit in einem Lager in Sibirien. Da war der Sohn sechs Jahre alt. Als evangelischer Pastor erlebte er später, wie das DDR-Regime gegen Kirchenmitglieder vorging. Als sich 1989 in der Bevölkerung der Widerstand gegen die SED-Führung formierte, führte Gauck als Sprecher des Neuen Forums in Rostock Demonstrationen an. Einer seiner Wegbegleiter von damals war Johann-Georg Jaeger, Mitbegründer des Neuen Forums in Rostock und heute Landtagsabgeordneter der Bündnisgrünen in Schwerin. Gauck habe bereits sehr früh erkannt, dass es in Richtung Deutsche Einheit gehe und das auch verteidigt, erinnert sich Jaeger. Damals nahm das dem Bündnis 90-Mann, der für die Bürgerbewegung in die erste Volkskammer einzog, aber auch mancher übel.

Beide Söhne und eine Tochter von Joachim Gauck und seiner Frau Gerhild, "Hansi", verließen mit ihren Familien bereits in den späten 80ern die DDR. In seiner Autobiografie "Winter im Sommer - Frühling im Herbst" schreibt er dazu, dass seine "Wut gegenüber denen, die uns die Kinder aus dem Land getrieben haben" in diesen Jahren stieg. Nur die Tochter Katharina blieb. Die Familie drohte zu zerbrechen. Und Gauck ist enttäuscht. Sein Glaube, etwas verändern zu können, ist trotz aller Erziehung nicht auf seine Kinder übergegangen. Er aber bleibt. Nach der Wende trennte sich Joachim Gauck von seiner Frau. Seit zwölf Jahren ist er nun mit der Nürnberger Journalistin Daniela Schadt liiert.

In seinen zehn Jahren als Bundesbeauftragter haben ihm Feind und Freund viele Titulierungen verpasst: Das linke Lager beschimpfte ihn als "Großinquisitor". Frühere Weggefährten kritisierten ihn als "Bürokraten", weil sie ihre Stasi-Akten nicht mit nach Hause nehmen durften.

Gauck der Pastor, der deutscher Revolutionär, der Demokratie-Lehrer. Für sein Amt als Bundespräsident verspricht er vor seiner Wahl ein "ständiger Vertreter der gesamten deutschen Demokratie" gegenüber den Bürgern sein. Er formuliert in die Zukunft: "Als Repräsentant des ganzen Volkes kann der Bundespräsident zwischen Regierten und Regierenden vermitteln und zu einer Verständigung der beiden beitragen, was so bitter nötig ist." Joachim Gauck würde sich sicher freuen, wenn man ihn Bürgerpräsident statt Bundespräsident nennen würde. Das muss er sich aber trotz aller Vorschusslorbeeren selbst erarbeiten. "Wir sind das Volk!" sei für ihn der schönste Satz in der deutschen Geschichte, plauderte er einmal. Ein Satz, der für eine selbstbestimmte Republik steht, eine Bürgerrepublik mit ihrem Bürgerpräsidenten, der in Rostock eine besondere Würdigung erhält.

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