Freundschaft : Lippenstift und Hakenkreuz

Eine Freundin von rechtsradikalen Ansichten abzubringen, ist nicht einfach. Trotzdem sollte man im Gespräch bleiben.
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Eine Freundin von rechtsradikalen Ansichten abzubringen, ist nicht einfach. Trotzdem sollte man im Gespräch bleiben.

Wenn Mädchen in die rechte Szene abschlittern / Wichtig ist, als Freund oder Freundin den Mund aufzumachen

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14. März 2014, 21:00 Uhr

Tanja ist erst 13, als sie in die rechtsradikale Szene einsteigt. Und sie gerät immer tiefer in den rechtsextremen Strudel: Sie wird Kameradschaftsführerin, heiratet einen in der Neonazi-Szene sehr aktiven Mann und bekommt Kinder. Niemand habe sie damals aufgehalten, sagt Tanja heute. Um ihre Kinder zu beschützen, sei sie schließlich ausgestiegen.

Junge Frauen treten in der rechtsextremen Szene nicht mehr nur als brave Freundin im Hintergrund oder als fürsorgliche Mutter auf. „Es gibt eine Vielzahl von Rollen“, sagt Heike Radvan von der Amadeu Antonio Stiftung. Sie betreut das Projekt „Lola für Lulu“ im mecklenburg-vorpommerschen Ludwigslust, das sich mit einem besonderen Blick auf Mädchen und Frauen gegen rechts einsetzt.

„Frauen sind heute sichtbarer in der rechtsextremen Szene, weil sie mehr Funktionen übernehmen als früher“, sagt auch Michaela Köttig, Professorin an der Fachhochschule Frankfurt am Main. So würden sie zu Vorbildern für Mädchen und junge Frauen, weil sie zeigten, wie man sich nicht vom Machogehabe der Männer in der rechten Szene abschrecken lasse.

Drei Faktoren spielten laut Köttig oft zusammen, wenn Mädchen und junge Frauen in die rechtsradikale Szene einsteigen: „Wenn der Nationalsozialismus durch die Familiengeschichte positiv besetzt ist, durch soziale Kontakte, die den Einstieg leicht machen, und durch die eigene Biografie, wenn diese etwa durch brüchige Bindungen zu den Eltern geprägt ist oder durch eigene Gewalterfahrungen.“ Auch das Gefühl dazuzugehören, weil man sich dort stark fühle oder glaube, sich aufzuwerten, indem man andere abwerte, seien starke Motive, sagt Dennis Rosenbaum. Er ist Streetworker im Bremer Verein Vaja und beschäftigt sich mit rechtsradikalen Jugendlichen.

Gerade am Anfang gibt es viele Signale, wenn die Freundin, Schwester oder Mitschülerin anfängt, mit einer Naziclique zu sympathisieren: Neue Klamotten von in der Szene gern getragenen Marken wie Thor Steinar, Songs von bei Rechten beliebten Bands wie Freiwild auf dem Handy oder abfällige Kommentare über Migranten. „Solange sie ihren Rassismus noch zeigt und auf Auseinandersetzungen eingeht, ist das, so ironisch es klingt, ein gutes Zeichen“, sagt Isabell Stewen, ebenfalls Streetworkerin bei Vaja. Wenn die Freundin sich abfällig über Migranten äußert oder über die Antifa herzieht, dann müsse man nicht immer gleich die perfekte Antwort parat haben, sagt Rosenbaum. Aber man sollte immer signalisieren, dass man anderer Meinung ist.

Redet die Freundin oder Schwester nicht mehr offen über ihre Sympathie für die rechtsextreme Szene, werde es schwieriger. Dann erleichtert zu denken: „Gott sei Dank, das ist jetzt abgehakt!“ sei ganz falsch, sagt Köttig. Denn tatsächlich seien die Mädchen dann meist tiefer in die Szene eingetaucht und ideologisch gefestigter.

Bernd Wagner hilft mit seiner Organisation Exit-Deutschland Aussteigern. Er sieht zwei Auslöser, die besonders Frauen zum Ausstieg bewegen: „Die Männer in der rechtsextremen Szene sind keine Softies. Die sehen Frauen nicht als gleichberechtigte Partnerinnen.“ Wenn eine junge Frau sich in einen in der Szene verankerten Mann verliebe, dann merke sie oft früher oder später, dass sie nur das fünfte Rad am Wagen ist und ihm seine Kameraden und die Ideologie viel mehr bedeuten. Und bekommen Frauen Kinder, wollen sie ihren Nachwuchs schützen – und geraten dabei in immer stärkeren Widerspruch zu ihrem Mann und der rechtsextremen Clique.

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