Lichterbaum mit Ketten und Rosinen

Weihnachtsbaum um 1900: Wenig Geschenke, aber viel Freude
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Weihnachtsbaum um 1900: Wenig Geschenke, aber viel Freude

Zu Weihnachten einen Tannenbaum aufzustellen, geht auf einen alten Baumkult zurück, der in vielen Ländern bekannt ist

svz.de von
09. Dezember 2013, 00:33 Uhr

Was wäre ein Heiligabend ohne den Weihnachts- oder Tannenbaum im Lichterglanz? In unserem Land kaum vorstellbar. Deshalb läuft schon jetzt der Verkauf der Bäume auf Hochtouren. Der Brauch aber erinnert an den uralten Baumkult in vielen Ländern. Vor allem deshalb wurde dieser Baum verehrt, weil er mit seinen immergrünen spitzen Nadeln das Unheil abwehren sollte. „Im Volksglauben hatten Dämonen, Hexen, Krankheiten und Blitz keinen Eintritt in das Haus, wenn es durch Tannennadeln geschützt war“, nachzulesen im „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens“. So wurde denn oft Tannengrün über der Haustür und den Viehställen befestigt oder in den Wohnräumen aufgestellt; das ist teilweise seit dem Mittelalter bekannt, und ebenso gab es etliche Handwerkerzünfte, die bereits im 15. Jahrhundert auf ihren winterlichen Umzügen einen Tannenbaum mit sich führten. Doch ehe die Tanne als der klassische Weihnachtsbaum in allen Stuben der Armen und Reichen Einzug hielt, sollten noch einige Jahrhunderte vergehen.

Ein festes Datum lässt sich natürlich nicht ausmachen. Eine Quelle für Mecklenburg aus den „Beiträgen zur mecklenburgischen Heimatkunde“ besagt, dass 1772 der Schneidermeister und Organist Gesenius aus Grevesmühlen einen Lichterbaum mit Ketten voller Rosinen aufgestellt haben soll. Diese Nachricht stammt von keinem Geringeren als von Gottfried Kosegarten (1758 bis 1818), Sohn des bekannten Pastors Bernhard Christian Kosegarten. Gottfried Kosegarten war später Pastor auf Rügen und Professor in Greifswald und schrieb Gedichte, Balladen, Romane und seine Lebenserinnerungen.

Er selbst hatte als vierzehnjähriger Junge diesen Tannenbaum bei dem Schneider gesehen und darüber in seinem Tagebuch berichtet. Wahrscheinlich hatte der Handwerker in seinen Wanderjahren im Süden Deutschlands diesen Brauch kennengelernt und zuhause eingeführt.

Aber das war noch die Ausnahme, denn nach dem „Mecklenburgischen Wörterbuch“ (Wossidlo-Teuchert) war das Aufstellen eines geschmückten Tannenbaums noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts auf dem Lande nahezu unbekannt gewesen, bis auf die Ausnahme von Guts- und Pastorenhäusern. Erst um 1880/90 war der Weihnachtsbaum Allgemeingut geworden. Für den Raum Rostock und Ribnitz ist bekannt, dass hier neben dem Singen der Weihnachtslieder besonders der Brauch gepflegt wurde, dass die Kinder einen Kreis bildeten und um den Baum tanzten.

In anderen deutschen Gegenden hielten einige bekannte deutsche Dichter ihre Erinnerungen an den Weihnachtsbaum so fest: Goethe (1774) schrieb über einen „aufgeputzten Baum“, Schiller (1789) über den „grünen Baum“ und Matthias Claudius (1796) vom „Weihnachtsbaum“. Ob aber das berühmte Bild des Malers und Kupferstechers Carl August Schwerdgeburth (1785 bis 1878) stimmt, das er in einem Zyklus aus dem Jahre 1856 über das Leben Luthers und diesen mit seiner Familie um den Tisch mit einem lichterglänzenden Tannenbaum zeigt, bleibt fragwürdig. Der Originaltitel dieses Werkes, das im Deutschen Historischen Museum Berlin aufbewahrt wird, lautet: „Dr. Martin Luther im Kreise seiner Familie zu Wittenberg am Christabend 1536.“

Nach einer alten Geschichte soll Luther sogar den Weihnachtsbaum erfunden haben. Studienrat F. Chrestien zitiert darüber in einem Beitrag in „Mecklenburg – Zeitschrift des Heimatbundes“ (1931) folgenden Text:

„Luther ging einmal an einem frosthellen klaren Winterabend übers Feld und freute sich an der Pracht des funkelnden Sternenhimmels, die ihn an den himmlischen Glanz erinnerte, der in der Weihnachtsnacht die Engel auf dem Felde bei den Hirten verklärte. Da wünschte er, auch den Seinen zu Hause einen Abglanz von dieser strahlenden Herrlichkeit zeigen zu können. Als er nun durch einen Wald kam, nahm er in dieser Absicht ein Tannenbäumchen mit nach Hause, steckte Lichter darauf und schenkte so den Menschen mit dem brennenden Tannenbaum das Bild der Weihnachtszeit von Bethlehem.“

Das ist ganz sicher eine Legende und passt in die Glorifizierung Luthers im 19. Jahrhundert. Ob Luther nun überhaupt den Weihnachtsbaum schon gekannt hat, darüber geben die Quellen unterschiedlich Auskunft. Chrestien meinte, dass erst um 1600 die früheste Nachricht vom geschmückten Tannenbaum bekannt wurde, und zwar aus Schlettstadt im Elsass. Die eigentliche Geschichte des Weihnachtsbaums und seine Verbreitung ist mit allerlei Fragezeichen versehen. Ein Beispiel: Eine Quelle gibt an, dass in Danzig 1815 oder 1830 der erste Weihnachtsbaum bekannt wurde, eine andere Nachricht spricht davon, dass man 1698 mit Früchten behangene Weihnachtsbäume auf dem Christmarkt in Danzig kaufen konnte.

Dagegen vielfach bezeugt ist der Brauch, nach dem Fest den nadelnden Baum nicht zu verbrennen, sondern auf den Dachboden zu stellen, um das Haus vor Blitzeinschlag zu schützen. Auch fand der alte Baum oft Verwendung beim Richtfest eines Hauses. Sogar im Zauberglauben spielte die Tanne eine Rolle, denn wer einen Tannenbaum stiehlt, der hackt sich in den Arm, und wer einen solchen Baum abschlägt, hat sieben Jahre Unglück.

Nun denn, auf den Märkten wird wie jedes Jahr das Angebot an Edel-, Blau- und Nordmanntannen ausreichend sein, um dieser Gefahr zu entgehen.





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