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23. November 2017 | 21:28 Uhr

Weihnachten : Letzter Aufruf zu einem frohen Fest!

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wer Weihnachten nicht im Herzen hat, der wird es auch niemals unter der Tanne finden.

Sie müssen jetzt ganz stark sein! Wegen Schwiegermutti, die ganz sicher wieder an der Gans herumnörgeln wird. Wegen Schwiegervati, der die Familie alle Jahre wieder noch am Heiligen Abend mit seinen Lösungsvorschlägen für den Nahostkonflikt, den Problemen mit dem IS und der Reparatur der defekten Heizung den letzten Nerv raubt. Wegen des Ehemannes, der sich selbst für eine Bundesligaübertragung im heimischen Wohnzimmer besser anzieht, als für ein Essen mit Tante Hedwig. Wegen der Ehefrau, die frohweihnachtlich maximal gestresst und bei der geringsten Unstimmigkeit in Lichtgeschwindigkeit auf der Palme ist. Wegen des Sohnes, der bereits angekündigt hat, dass er „diesen voll öden Abend“ später noch in der Disse ausklingen lassen will und nicht im Traum dran denkt Oma „Oh du Fröhliche“ vorzusingen. Wegen der Tanne, die schon jetzt nadelt, den Paketen, die man offenbar nur deshalb schon vor zwei Wochen losgeschickt hat, damit die Post auch ausreichend Gelegenheit findet, sie zu verbummeln. Und wegen der Aussicht, dass man an den zwei Feiertagen endlich einmal all das besprechen kann, wozu man den Rest des Jahres – Gott sei es gedankt – nie Zeit hat („Wieso darf ich kein Nabel-Piercing haben?“ (Tochter). „Was hältst du davon, im Sommer mit dem Rad zwei Wochen durch die Pyrenäen zu fahren?“ (Ehemann) „Wir werden uns übrigens scheiden lassen“ (Eltern)).

Gut, man könnte jetzt noch rasch zum Last-Minute-Schalter des nächsten Flughafens. Aber gerade für das Weihnachtenfeiern gilt bisweilen, was der dänische Philosoph Sören Kierkegaard einmal über das Heiraten sagte: „Tu’s oder tu’s nicht – du wirst beides bereuen.“ So fühlt man sich jetzt drei Tage vor dem Heiligen Abend wie eine Schwangere im 9. Monat: Deutlich zu spät dran, um jetzt noch einen Rückzieher zu machen. Und man kann irgendwie sehr gut verstehen, wenn jeder Fünfte Deutsche das Fest am liebsten abschaffen möchte.

Andererseits würde man mit dem Fest gleich auch die so wundervollen Ideen „Familie“ und „Freundschaft“ abschaffen. So gesehen ist Weihnachtsstress auch so etwas wie ein XXL-Zuneigungsbeweis. Laut einer Umfrage des Internetportals „parship.de“ zelebrieren Paare diese Art der Intimitätsbekundungen am liebsten an Themen wie der Frage, wo die Feiertage verbracht werden, an der Weihnachtsdekoration, an der Arbeitsteilung bei der Weihnachtsvorbereitung, bei der Weihnachtsmusik, daran, ob der Fernseher eingeschaltet werden darf, ob man in die Kirche geht, was gegessen wird und welche Kleidung zum Fest die passende ist.

Aber – Achtung jetzt kommt eine ganz wichtige Botschaft: (besonders an uns Frauen, die so furchtbar gern das Weihnachtsfestzeremonienmeisterinnenzepter an sich reißen): Keine Weihnachtsfestwunschvorstellung ist besser als die andere. Es gibt keine DIN-Norm die weltweit Fest-Ausstattung und Gefühlslagen regelt. Ganz egal, was die Werbung behauptet und wie sehr uns der Film weismachen will, es gäbe da ein globalisiertes Weihnachten, bei dem für alle dieselben Spielregeln gelten und sich jeder über dasselbe freut. Wenn also der Gatte die Feiertage mit „endlich Gelegenheit die WM 2014 noch einmal per DVD und Lektüre gründlich aufzuarbeiten“ assoziiert, ist das ebenso legitim wie die Sehnsucht der Ehefrau nach einem Landlust-Dekorations-Overkill, gegen den selbst Las Vegas ziemlich blass aussieht. Sollte der – fast erwachsene Sohn – lieber Heavy Metall hören wollen anstatt des Petersburger Knabenchors – ist das auch legitim – nach der Bescherung und selbstverständlich mit Kopfhörern im eigenen Zimmer.

Das perfekte Fest ist eines, bei dem jeder möglichst auf seine Kosten kommt und man gerade darin einen gemeinsamen Nenner findet. Praktisch deshalb: Sich schon vorab darüber auszutauschen, welche Erwartungen mit im Spiel sind. Und dabei immer bedenken, dass jeder Erwachsene seine ganz individuelle Weihnachtsvergangenheit aus seiner Kindheit mitbringt und die sehr gern genauso nachspielen möchte, wie er sie daheim bei seinen Eltern als schön erlebt hat. Bei den einen wurde gesungen, bei den anderen immer dieselbe CD aufgelegt. Manche sind immer in die Mitternachtsmesse gegangen, andere haben sich die Weihnachtsgeschichte vorgelesen oder einfach nach dem Essen mit den Eltern ferngeschaut. Das mag vielleicht nicht der christlichste aller Programmpunkte sein – aber wer sind wir, dass wir unseren Nächsten in ihr Drehbuch eines gelungenen Festes hineinregieren? Würde uns ja auch umgekehrt nicht gefallen.

Deshalb gilt es auf all das gleichermaßen Rücksicht zu nehmen und dabei in Kauf zu nehmen, dass einem nicht alle Wünsche erfüllt werden können – aber man eben auch nicht auf alle verzichten muss. Und Vorsicht: Es geht an Weihnachten um mehr als bloß ums Lustprinzip und ein bisschen Mehr-Freizeit. Es geht eben auch darum, dass Familie und Freundschaft nicht nur Kür, sondern auch Pflicht sind und Manches deshalb nicht verhandelbar ist. Der Besuch bei den alten Tanten zum Beispiel oder bei Opa und Oma, bei der ehemaligen – alleinstehenden Nachbarin. Egal wie anstrengend das bisweilen ist und wie gern man den Feiertag mit Winnetou I, II und III auf dem Sofa verbringen würde. Auch das ist Weihnachten: Eine – vielleicht die letzte – Bestätigung, dass man sich fürs Dazugehören einmal nicht wie für ein DSDS-Casting erst mit einem besonderen Unterhaltungswert oder Coolness oder teuren Geschenken qualifizieren muss. Dass wir füreinander da sind, auch wenn ein Kaffeeklatsch bei Verwandten manchmal ehrlich gesagt nicht das spannendste Event unter der Sonne ist. Damit stockt man zum einen die weltweiten Weihnachtsvorräte an Familiensinn und Freundschaftsbeweisen auf. Zum anderen tut man sich selbst auch etwas Gutes. Ohne Weihnachten wüssten wir schließlich gar nicht mehr, zu wem wir gehören. Und dass Liebe großartig ist, aber eben auch viel Arbeit macht.

Vergessen Sie deshalb nicht: Glück ist eine Überwindungsprämie, gerade an Weihnachten. Und das Fest ist meist dann besonders froh, wenn man dafür auch mal einfach so eine XXL-Kröte herunterschluckt. Sie können ja mit ordentlich viel Sekt nachspülen und dabei ganz fest an ein amerikanisches Sprichwort denken: Wer Weihnachten nicht im Herzen hat, der wird es auch niemals unter der Tanne finden.

Wenn Sie das beherzigen – dann kann es ab jetzt eigentlich nur noch in eine Richtung gehen: Zu einem ganz wunderbaren, innigen, aufregenden, turbulenten, besinnlichen, chaotischen, perfekt unperfekten Heiligen Abend! Den wünschen wir Ihnen – natürlich von Herzen.

 

 

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