„Lebt denn der alte Holzmichl noch?“

Geschmacklos: Ein Spieler – hier Stephan Riediger  (SV Post) – liegt am Boden und es ertönt in so manchen Hallen, aber nicht in Schwerin, der Holzmichl. Foto: Dietmar Albrecht
Geschmacklos: Ein Spieler – hier Stephan Riediger (SV Post) – liegt am Boden und es ertönt in so manchen Hallen, aber nicht in Schwerin, der Holzmichl. Foto: Dietmar Albrecht

Sport ist heutzutage nicht einfach mehr nur Sport. Die Mannschaften – ab einer bestimmten Alters- und Spielklasse zumindest – laufen nur noch akustisch untermalt ein. Und auch sonst geht die Musike längst nicht mehr nur auf dem Spielfeld ab! Mit all ihren Auswüchsen

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05. November 2008, 07:53 Uhr

Ob Tor, Siebenmeter oder beim Wegwischen der Schweißflecken – für alle diese Dinge gibt es längst ganz spezielle Lieder. Zumeist witzig, spätestens beim zwölften Mal in einer Begegnung nervig („Danke“, „Bitte“) bis hin zum Überschreiten der Grenzen von Fairness und Anstand.

Wie weit dürfen musikalische Elemente Einfluss auf den Handballsport haben? Was gehört verboten, was nicht? Eigentlich Fragen, die bei der heutzutage im Sport allgegenwärtigen musikalischen Berieselung in Hallen oder auf Plätzen nicht allzu viele hinter dem Ofen hervorlocken. Doch wer selbst einmal erlebt, wie dabei interveniert wird, kommt ins Grübeln.

Spielabbruch drohte wegen „Spiel mir das Lied vom Tod“
Beispiel Wittenberge am vergangenen Wochenende: In der OSZ-Halle sehen 355 Zuschauer die Partie der Handball-Verbandsliga Brandenburg zwischen dem PHC Wittenberge und dem HC Neuruppin II. Auf den Rängen herrscht gute Stimmung. Dafür sorgt auch ein DJ, der Szenen mit Musikstücken ankündigt oder kommentiert.

So auch beim Siebenmeter für die Gastgeber. Aus den Lautsprechern erklingt der Klassiker „Das Lied vom Tod" (Once upon a time in the west). Einer der beiden Fredersdorfer Schiedsrichter geht in die Sprecherkabine und weist darauf hin, dieses Lied nicht mehr zu spielen. Als es der DJ beim nächsten Mal wieder spielt, droht der Unparteiische gar mit Abbruch der Partie.

„Es gibt keinen offiziellen Index“, sagte Lutz Schween, beim Landesverband Brandenburg für Schiedsrichter-Öffentlichkeit zuständig, auf Anfrage. „Aber“, fügt der selbst für den Nordostdeutschen Handballverband (NOHV) pfeifende Lychener hinzu, „es ist beim NOHV festgeschrieben, dass Lieder wie ,Spiel mir das Lied vom Tod’ oder ,Lebt denn der alte Holzmichl noch’ nicht gespielt werden dürfen. Und das ist auch den Landesverbänden angesagt worden.“
Bis Meckpomm scheint dies jedoch nicht vorgedrungen zu sein. „Bei uns hat sich noch keiner mokiert, ich weiß von nichts, alles ein bisschen kleinlich“, kommentiert der Güstrower Thomas Schweder, Vizepräsident Spieltechnik im MV-Handball-Verband, die Sache aus Wittenberge. Auch für Schweens NOHV-Schirikollegen Klaus-Peter Hopp (Schwerin) ist es völliges Neuland. Einen solchen Lieder-Index kenne er nicht. „Man soll sowas nicht überbewerten, es darf allerdings nicht diskriminierend sein“, zieht Hopp für sich eine Grenze.

In Wittenberge sieht man die Angelegenheit auch nicht so dramatisch. „Der Schiedsrichter hat den Hinweis gegeben und wir haben darauf reagiert“, so PHC-Präsident Ingo Lipinski. Er weist darauf hin, dass bei denen, wo eigentlich eine Vorbildfunktion erwartet wird, so etwas gang und gäbe ist. „Wir waren beim Bundesligaspiel der Füchse in Berlin und da haben sie das Lied auch beim Siebenmeter gespielt“, erklärte Lipinski.

Überhaupt schauen sich die Kleinen Dinge bei den Großen, sprich Bundesligisten, ab. „Lebt der alte Holzmichl noch? Jaaa, er lebt noch!“, erklingt in manchen Hallen, wenn ein Spieler der gegnerischen Mannschaft verletzt am Boden liegt. Geschmacklos!

Freddy Quinn und Heidi Kabel lassen grüßen
Wesentlich harmloser sind andere Dinge. So grüßt Freddy Quinn, wenn ein Akteur der eigenen Mannschaft eine Zeitstrafe erhält („Junge, komm bald wieder“); wenn’s die Gegenseite betrifft, kommt in in der Hamburger Color Line Arena Heidi Kabel zum Zug („In Hamburg sagt man Tschüß“). Und in Schwerin werden die jungen, zumeist leicht bekleideten Wischerinnen angespornt mit dem Gassenhauer „Das bisschen Haushalt macht sich von allein, sagt mein Mann.“

Doch auch dem SV Post wurde schon mal mit Spielabbruch gedroht, von keinem Geringeren als DHB-Mannerspielwart Uwe Stemberg (Osnabrück) im Rückspiel der Relegation zur 1. Liga im Jahr 2003 zwischen Schwerin und dem HSV Düsseldorf. Wenn die Rheinländer einen wichtigen Ball verwarfen, erschallte in der Sport- und Kongresshalle: „Wärst du doch in Düsseldorf geblieben“ Hopp, der sich bei Post-Heimspielen um die Schiedsrichter, Zeitnehmer und ggf. den Spielaufsichtsmann kümmert, erinnert sich noch ganz genau daran: „,Noch einmal und ich breche ab’, sagte Stemberg.“ PS: Schwerin kam damals auch ohne Düsseldorf-Lied eine Runde weiter.

„Heinevetter-Effekt“
Mancher findet es witzig, andere eben nicht. Hopp, der einst auch in der 1. Bundesliga pfiff, missfällt derzeit vielmehr eine andere Unsitte – der so genannte „Heinevetter-Effekt“. Der Magdeburger Erstligatorwart, der gerade seinen Wechsel zu den Füchsen Berlin bekanntgegeben hat, läuft gern nach einem wichtigen gehaltenen Ball mit geballter Faust auf den Schützen zu, ohne dass diese unsportliche Provokation geahndet wird. Hopp: „Das passiert jetzt im NOHV ständig. Wenn ich dagegen vorgehe, höre ich nur: ,Was wollt ihr? Im Fernsehen sieht man’s ständig und es wird nicht bestraft.’“ Hopp wie Schween plädieren in solchen Fällen für eine „progressive Strafe“. Sport lebt von Stimmung, Show, aber auch Fairness und Vorbildern – Heinevetter ist so keines.

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