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Leben aus dem Rucksack - Wartelisten für Wohnungen

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erstellt am 25.Jan.2012 | 09:26 Uhr

Rostock/Greifswald | Das Leben aus dem Rucksack ist Annika (Name geändert) eigentlich gewohnt. Dass sie aber nun seit Monaten in provisorischen Unterkünften übernachten muss, ist die Rostocker Biologiestudentin langsam leid. Zum 1. Februar könne sie endlich in eine WG in Rostocks Innenstadt ziehen, sagt die 21-Jährige. Seit September sucht sie wie viele Mitstudenten in Rostock und Greifswald eine Wohnung. Die dramatische Wohnungssituation zum Semesterstart hat sich zwar entspannt, allein in Rostock stehen aber immer noch 1400 Studenten auf den Wartelisten. Allein die städtische Wohnungsgesellschaft Wiro in Rostock zählte zu Beginn des Studienjahres im September 1500 Anrufe und 700 E-Mail-Anfragen mehr als im September 2010. Bei der Internetsuche nach WG-Zimmern sei sie nicht einmal zu einem Besichtigungstermin eingeladen worden, erinnert sich Annika.

Zu Beginn des Semesters im Oktober wohnte Annika mehrere Wochen lang in einem Hostel. "Das halbe Hostel war mit Studierenden belegt", erinnert sich die 21-Jährige, die aus der Nähe von Hannover kommt. "In einem Acht-Bett-Zimmer kann man sich unmöglich auf das Studium vorbereiten." Dann kam sie für einen Monat bei Bekannten unter. "Irgendwie schlage ich mich durch", sagt sie. Eine Mitstudentin habe es schlechter getroffen. Sie hat 26 Kilometer außerhalb von Rostock eine Bleibe gefunden und fährt täglich mit dem Zug.

Bestand reicht nicht aus

Der Geschäftsführer des Studentenwerks Rostock, Dieter Stoll, bedauert die Situation. Der Bestand, den das Studentenwerk anbieten könne, reiche bei weitem nicht aus. Stoll würde gern 15 bis 20 Prozent der Studenten in Wohnungen des Studentenwerkes unterbringen. "Wir schaffen aber nur zehn Prozent", bedauert er.

Das liegt zum einen daran, dass wegen der hohen Grundstückspreise in Rostock das Studentenwerk bei geplanten Neubauten nicht mitbieten kann. Zudem gingen die finanziellen Zuweisungen des Landes an die Studentenwerke völlig an der Realität vorbei, kritisiert Stoll. Bis zum Jahr 2014 wurden in Rostock 10 000 Studierende vorausgesagt.

Tatsächlich sind es in diesem Jahr rund 15 000. "Davon sind 50 Prozent Nicht-Landeskinder, die also nicht bei Verwandten unterschlüpfen können", sagt Stoll. "Wir versuchen, auch kreative Wege zu gehen", berichtet die Abteilungsleiterin Liegenschaftsmanagement des Studentenwerks Rostock, Korinna Hahn.

Wenn jemand zum Beispiel kurzfristig ins Ausland gehe oder das Studium abbreche, komme er früher aus dem Mietvertrag, damit schnell der nächste einen Platz erhalte. Zusätzlich zu den Studenten müsse das Studentenwerk aber auch noch Gastwissenschaftler mit Wohnraum versorgen, sagt die Wirtschaftsjuristin.

Halbes Jahr mietfrei im Plattenbau

Die Wiro versucht mit verschiedenen Angeboten, Studierende vor allem in die Plattenbauten in den Nordwesten oder Nordosten zu locken. Dort können sie ein halbes Jahr mietfrei wohnen und müssen nur die Betriebskosten zahlen. Auch den Studenten verdankt das Unternehmen eine traumhafte Leerstandsquote von unter 1,9 Prozent, wie Sprecherin Dagmar Horning sagt.

In Greifswald dagegen haben mittlerweile alle neuen Studenten eine feste Bleibe. Die Warteliste sei kurz, sagt der Abteilungsleiter Studentisches Wohnen im Studentenwerk Greifswald, Klaus Jung. "Bis Ende November 2011 sind alle 2500 Erstsemester, insofern sie keinen Wohnheimplatz bei uns bekommen konnten, auf dem privaten Markt untergekommen." Aber auch in Greifswald suche man nach neuen Möglichkeiten, neue Wohnheime zu bauen.

Annika hat sich durch die Wohnungsmisere nicht von der Universitätsstadt Rostock abschrecken lassen: "Die Stadt ist wunderschön, die Nähe zum Meer ist toll und die Uni ist auf dem neuesten Stand." Sie träumt davon, Meeresbiologin zu werden, und will dann nach Kanada auswandern. Dort hat sie ein Jahr verbracht, bevor sie ihr Studium in Rostock aufnahm.

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