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19. November 2017 | 15:27 Uhr

Selfies in Auschwitz : Kussmund vor der Gaskammer

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Diskussion um geschmacklose Selfies in Auschwitz

Auf Twitter nennt sie sich „Princess Breanna“ – und seit ihrem Besuch im ehemaligen KZ Auschwitz hat der Teenager aus dem US-Bundesstaat Alabama den zweifelhaften Ruhm, das „schlimmste Selfie aller Zeiten“ über soziale Netzwerke verbreitet zu haben. So jedenfalls lauteten einige der Kommentare, nachdem die selbst ernannte Prinzessin im Sommer ihr Selbstporträt mit einem breiten Lächeln inmitten der Häftlingsbaracken postete.

Doch Breanna ist kein Einzelfall. Der Drang vieler junger Menschen zur möglichst ungewöhnlichen Selbstdarstellung verdrängt schon mal guten Geschmack. Das Selfie der jungen Amerikanerin ist nicht das einzige dieser Art.

Die Zeitschrift „New Yorker“ berichtete vor wenigen Wochen, dass die sozialen Netzwerke voll sind mit Selfies junger Israelis in Auschwitz, Majdanek und anderen ehemaligen Todeslagern, in denen sie eigentlich im Rahmen organisierter Studienreisen der sechs Millionen Opfer des Holocausts gedenken sollen.

„Wir sehen recht häufig, dass Selfies gemacht werden“, sagt Bartosz Bartyzel, Sprecher der Gedenkstätte Auschwitz. „Manchmal direkt an der Todeswand, an der die Erschießungen stattfanden.“ Wenn die Führer organisierter Besuchergruppen so etwas bemerkten, schritten sie in der Regel ein – am Eingang der Gedenkstätte wird zu einem „angemessenen Verhalten“ aufgerufen. Ein Kussmund vor den Ruinen der Gaskammern, das geht aus vielen Internet-Kommentaren hervor, ist nicht angemessen an einem Ort, an dem mehr als eine Million Menschen ermordet wurden.

Fotografierverbote soll es aber nicht geben, betont Bartyzel. Wichtig sei, dass Fotos hinterher zum Nachdenken anregten. Wer unter dem Lagertor mit der zynischen Aufschrift „Arbeit macht frei“ gedankenlos für ein Selfie posierte, sei noch ganz am Anfang der Besichtigung. Die Konfrontation mit den Bergen von Kleidern, Schuhen oder Haaren der Ermordeten kommt erst später.

„Es ist unsensibel, an einem Ort wie Auschwitz Selfies zu machen“, sagt der New Yorker Eric Katzman, der selbst mit dem „Marsch der Lebenden“, dem alljährlichen Gedenkmarsch junger Juden am Holocaust-Gedenktag, Auschwitz besuchte. „Aber ich glaube, die meisten Leute haben keine bösen Absichten.“

Besucher, die fragwürdige Fotos ins Internet stellen, die gibt es auch beim Berliner Holocaust-Mahnmal und in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Dort können Neonazis durch Selfies überführt werden. Wer dort zum Beispiel einen Hitlergruß zeige und sich dabei fotografiere, produziere damit gleich einen Beweis für den Straftatbestand. „Wenn wir das beobachten, werden sie von der Polizei empfangen“, sagte der stellvertretende Stiftungsdirektor Rikola-Gunnar Lüttgenau. Rechtsradikale machten einen minimalen Prozentsatz der Besucher aus, inszenierten sich aber regelmäßig.

 

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