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17. November 2017 | 22:16 Uhr

Kurz vor zwölf

vom

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erstellt am 10.Nov.2011 | 09:05 Uhr

Jetzt jeht et loss, jetzt jeht et loss... Nicht nur Karnevalsjecken wissen, dass sich dieses „Jetzt“ präzise datieren lässt: Am 11. 11., Punkt 11 Uhr 11 „jeht et loss“. Und natürlich ist der Tag mit der doppelten Schnapszahl auch sonst heiß begehrt, vor allem für Trauungen, weltliche oder kirchliche. In diesem Jahr wird der Andrang besonders groß sein: Die Schnapszahl kommt gleich dreimal vor, dieses Datum wird man nie mehr vergessen.
Aber was zeichnet gerade die Zahl 11 derart aus? Warum also beginnt die fünfte Jahreszeit ausgerechnet am 11. im 11.? Die Ethnologen haben viel Tinte vergossen, um eine plausible Erklärung zu finden. Mit Sankt Martin, dem Tagesheiligen, dem auch die Martinszüge am Vorabend gewidmet sind, hat es anscheinend nichts zu tun.
Besonders beliebt ist es, die „Elf“ aus der Parole der Französischen Revolution abzuleiten: „Liberté, Égalité, Fraternité“. Das wäre also im Deutschland der Romantik, als die Karnevalstraditionen wiederbelebt wurden, ein leicht verhüllter Protest gegen den Obrigkeitsstaat gewesen. Ganz davon abgesehen, dass hierzu erst einmal die Reihenfolge der revolutionären Wörter geändert werden müsste – die „Égalité“ vorweg – haben fleißige Brauchtumsforscher festgestellt, dass die Elf als Narrenzahl viel älter ist. Ein Beleg findet sich bereits auf einem Nürnberger Druck aus dem Jahr 1530, Aufschrift: „Ein hübscher Spruch von elf Narren, wie einer dem anderen die Wahrheit sagt.“
Die einfachste Erklärung dürfte die richtige sein. Elf ist eins mehr als zehn – ein Hinausschreiten über die Zehn Gebote der Bibel und über das gängige Zahlensystem. Und eins weniger als zwölf – ein Zurückbleiben hinter den zwölf Monaten des Jahres, den zwölf Tierkreiszeichen, den zweimal zwölf Stunden des Tages, den zwölf Stämmen Israels und den zwölf Aposteln. Die Zahl zwölf ist der Inbegriff der Vollkommenheit und der Vollendung, die Elf demzufolge das Zeichen einer unvollkommenen Welt.
Bilder aus dem Barock zeigen neben einem Totenkopf eine Uhr mit dem Zeiger vor der zwölften, der letzten Stunde – als Mahnung, sich der Endlichkeit alles Irdischen bewusst zu werden. Bereits in einer Schrift der Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert wird der zwölfte Stundenschlag mit dem Jüngsten Gericht verbunden, der elfte, vorletzte mit der vorangehenden Notzeit, in welcher der Antichrist herrschen wird. Dasselbe Motiv – mit der umgekehrten Tendenz, als Aufforderung, die verbleibende Zeit in Fröhlichkeit zu nutzen – hat der Münchner Historiker Dietz-Rüdiger Moser auf den traditionellen Narrenmasken und -gewändern im Schwäbischen gefunden: eine Uhr, die den Fortgang des Zeigers zur letzten Stunde anzeigt.
Tatsächlich haben Karneval und Fastnacht ihren Ursprung im christlichen Fastenbrauch: In Vorbereitung auf Ostern, das Fest der Auferstehung, sollte das Fleisch abgetötet werden; da waren die Karnevalstage sieben Wochen vor Ostern die letzte Gelegenheit, noch einmal die – ja, man muss es wohl so drastisch ausdrücken – „Sau rauszulassen“.
Aber der Karneval steht doch erst im Frühjahr, der 11. November dagegen liegt mitten im Herbst? Die Erklärung liegt wiederum in einem alten christlichen Brauch. Bereits im 4. Jahrhundert wurde ähnlich wie vor Ostern auch vor Weihnachten eine Fastenzeit eingeführt. Dass der Tag vor Beginn dieser Fastenzeit heute mit dem Namen des Bischofs Martin von Tours verbunden wird, geht auf einen Zufall zurück. Martin war am 11. November des Jahres 397 bestattet worden.
Als er im frühen Mittelalter zu einem der beliebtesten Heiligen überhaupt wurde, nahm man sein Fest gern zum Anlass, noch einmal kräftig zu schlemmen – zum Beispiel mit den beliebten „Martinigänsen“. Dabei ist der hl. Martin mitsamt dem Gans-Essen und den Martinsumzügen am Vorabend nur die eine Seite dieses Tages. Am Rhein wird mit der Vorstellung der Karnevalsprinzen die „Saison“ eröffnet. Freilich dann am nächsten Tag auch gleich wieder unterbrochen – schließlich steht die Vorweihnachtszeit bevor, die im alten kirchlichen Kalender ja eine Fastenzeit war.
Und ansonsten ist in diesem Jahr der 11. November Großeinsatztag für Standesbeamte und Pfarrer. Und sicherlich setzen werdende Eltern auch den Hebammen und Ärzten in den Entbindungskliniken mit einer kleinen Bitte zu: Wie schön wäre es doch, wenn dem Nachwuchs als Geburtsdatum nicht etwa der 10. oder 12. November in den Ausweis eingetragen werden könnte, sondern die dreifache Schnapszahl: 11.11.11.

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