Kulturparlament angestiftet

Ein Kulturparlament soll in Mecklenburg-Vorpommern der Kunst und Kultur mehr öffentliches Gehör verschaffen. Wir sprachen mit Marion Richter aus Rostock, die zu den Anstifterinnen dieser ehrenamtlichen Initiative gehört.

von
21. Oktober 2008, 08:25 Uhr

Ist die Lage von Kunst und Kultur in MV denn so schlecht?
Richter: Ich bin weit davon entfernt, in das allgemeine Wehklagen einzustimmen. Es gibt in Mecklenburg-Vorpommern nicht nur eine reiche kulturelle Tradition, sondern auch eine blühende Gegenwartskunst und -kultur. Das Problem ist nur, dass das kaum jemand weiß. Schon gar nicht außerhalb des Landes. MV hat einfach nicht das Image eines blühenden Kulturlandes. Dafür wollen wir das öffentliche Bewusstsein schärfen.

Warum sind Kunst und Kultur so wichtig für das Land?
Richter: Wir, das heißt die in der Mecklenburger AnStiftung engagierten Bürger, sind überzeugt, dass Kunst und Kultur für die Zukunft des Landes eine zentrale strategische Bedeutung besitzen. Wir betrachten sie als eine Art Kraftwerk der Erneuerung, als etwas, das in Verbindung mit der Natur Besonderes und Unverwechselbares hervorbringen kann.

Warum glauben Sie das?
Richter: Weil Kunst und Kultur den Drang und die Kraft zur Erneuerung in sich tragen. Weil sie Neugier, Kreativität und Weltoffenheit stärken und ein Bewusstsein für Eigeninitiative und Selbstverantwortung schaffen.

Wird denn die Kulturpolitik diesem strategischen Stellenwert nicht gerecht?
Richter: Da habe ich große Zweifel. Die gegenwärtige Profillosigkeit der Kulturpolitik bereitet nicht nur den Kulturschaffenden große Sorge. Doch um ein kulturpolitisches Profil zu entwickeln, bedarf es einer strategischen Vision, einer guten Vernetzung der Akteure und einer entwickelten Debattenkultur. Hier sehe ich große Defizite. Die Landespolitik sollte Kunst und Kultur aber auch insgesamt mehr öffentliche Bedeutung geben.

Geht es auch um mehr Geld?
Richter: Nicht in erster Linie, aber natürlich wirft es Fragen auf, wenn das Land in der Vergangenheit bereitwillig Fördermillionen an wenig seriöse Wirtschaftsunternehmen verteilt hat, während für Kulturinvestitionen nur Kleingeld übrig war.

Die Unzufriedenheit ist also groß – hat die Mecklenburger AnStiftung deshalb zur Gründung eines Kulturparlaments angestiftet?
Richter: Genau genommen hat unsere Bürgerstiftung damit nur eine Idee aufgegriffen, die im September bei unseren „Wismarer Stadtgesprächen“ entwickelt wurde. Die Gespräche fanden bereits zum dritten Mal statt. In diesem Jahr ging es um Kunst und Kultur als Schlüsseltechnologie für MV. Wir haben damit sozusagen die Debatte angestiftet und wollen jetzt einen Ort schaffen, an dem sich die Akteure nicht nur über die Situation verständigen, sondern auch handlungsrelevante Strategien entwickeln können. Einen Ort, der die Kulturpolitik des Landes befördert und kritisch begleitet.

Also noch ein Debattierclub, dessen Rat auch wieder nicht gehört wird?
Richter: Eben nicht. Wir unterscheiden uns bewusst von den etablierten Kulturräten. Die sind ja deshalb als Politikberater gescheitert, weil sich ihre Mitglieder als Lobbyisten für ganz bestimmte Kultursparten gesehen haben und daher oft zerstritten waren. Unser Selbstverständnis ist ein anderes – wir vertreten nicht nur die Kulturschaffenden, sondern Bürger, die sich für ihr Land kulturell engagieren wollen.

Parlamente werden normalerweise gewählt: Wer soll denn überhaupt im Kulturparlament sitzen?
Richter: Dieses Parlament versteht sich als ein kulturelles Projekt, für das es keine Wahl gibt. Es soll eine Plattform bieten für alle, die ihre Kraft, Ideen und Erfahrungen für die Kunst- und Kulturentwicklung des Landes einbringen wollen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen