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22. November 2017 | 14:06 Uhr

Krieg im Fußballstadion

vom

svz.de von
erstellt am 02.Feb.2012 | 08:26 Uhr

Kairo | Der Abpfiff des Spiels schien für die Schläger ein Startsignal zu sein. Von allen Seiten stürmten sie auf das Fußballfeld und nahmen die Verfolgung der Spieler der Gegenmannschaft auf. Die Profis des beliebten Kairoer Klubs Al-Ahli rannten um ihr Leben. Anhänger der Heimmannschaft Al-Masri in Port Said setzten mit Flaschen, Steinen und Messern nach. Die Bilanz: 71 Tote, Hunderte Verletzte.

Nach dem ersten Schock begann in Ägypten die Suche nach den Schuldigen. Die Polizei habe nichts getan, sondern einfach nur zugeschaut, lauteten die Vorwürfe von Spielern, Trainern, Fans. Diese Aktion sei von langer Hand geplant worden, zeigten sich Teammitglieder von Al-Ahli überzeugt. Der Mannschaftsarzt wurde von der Zeitung "Al-Masry Al-Youm" mit den Worten zitiert: "Das ist Krieg und kein Fußball." Al-Masri hatte doch den Gegner aus Kairo mit 3:1 geschlagen. Warum sollten gerade Fans des siegreichen Teams so wütend angreifen?

Die Muslimbruderschaft - stärkste Fraktion in Ägyptens neuem Parlament - sah Mächte am Werk, die dem Übergang des nordafrikanischen Landes in eine friedliche Demokratie schaden wollten. Es gehe um "dubiose Kräfte", die eng mit dem früheren Regime von Präsident Husni Mubarak in Verbindung stünden, lautete ihre Erklärung. Die Jugendbewegung hielt den regierenden Militärrat für verantwortlich. Das Motiv: Die Generäle könnten sich als Garant für Stabilität profilieren - und auch künftig an der Macht bleiben.

Die ägyptische Regierung zog gestern erste Konsequenzen. Während einer Sondersitzung des Parlaments gab Ministerpräsident Kamal al-Gansuri bekannt, dass er den ägyptischen Fußballverband aufgelöst und den Gouverneur von Port Said abgelöst habe. Der herrschende Militärrat verhängte drei Tage nationale Trauer.

Ägypter haben lange Jahre schmerzhafte Erfahrung mit bezahlten Schlägertrupps gemacht, die regelmäßig zur Einschüchterung der Bürger eingesetzt wurden. Gerade während der Wahlen unter Mubarak wurde das Volk auf diese Art gefügig gemacht.

So fällt auch nach der Ära Mubarak der Verdacht bei exzessiven Gewaltausbrüchen sofort auf eigens dafür engagierte Banden. Tatsache ist aber auch, dass die Polizei nicht mehr so massiv präsent ist und Kriminelle das immer wieder ausnutzen. Organisierte Gewalt, die nicht vom Staat ausgeübt wird, ist ein neues Phänomen. Allein in den vergangenen Tagen gab es mehrere spektakuläre Banküberfälle, bei denen mehrere hunderttausend Euro erbeutet wurden. Dass unter den sogenannten Ultras, dem harten Kern der ägyptischen Fußballfans, Gewalt ausbricht, ist indes keine neue Entwicklung. Doch in dieser Brutalität hat es das noch nicht gegeben.

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