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18. Oktober 2017 | 17:03 Uhr

Kontakt zu den Geistern

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Len-Dong-Zeremonie war in Vietnam lange verboten – bis die Regierung den Glauben für sich entdeckte

Der Hotelmanager Phi Viet Hung sitzt in einem Tempel in Hanoi und beschwört den Geist einer Frau. Der 37-Jährige trägt einen roten Seidenschleier vor dem Gesicht und ist umgeben von konzentrierten Gesichtern und einer Wolke aus Weihrauch. Eine kleine Musikgruppe spielt auf traditionellen Instrumenten. Dann hebt Hung die rechte Hand und lüftet den Schleier – es ist das Signal, dass er Kontakt zu einem weiblichen Geist hergestellt haben will.

Was in Deutschland seltsam erscheinen mag, ist in Vietnam eine populäre Praxis. Hotelmanager Hung führt eine sogenannte Len-Dong-Zeremonie durch, eine Art Trance, die eines der Hauptrituale der Religion Dao Mau darstellt. Einst war sie in dem Land als Aberglaube verboten, heute hat Dao Mau sich zu einer Religion entwickelt, der immer mehr Menschen folgen.

Im Ghenh-Tempel in Hanoi etwa wird die Zeremonie Len Dong an rund 260 Tagen im Jahr praktiziert. Eine Tempelgängerin sagt: „In den letzten zehn Jahren ist Len Dong so viel populärer geworden. Je mehr Rituale aufgeführt werden, desto mehr Menschen interessieren sich dafür.“

Vor zwei Jahren war Hotelmanager Hung am Tiefpunkt seines Lebens angekommen: „Ich war krank und musste ins Krankenhaus, doch die Ärzte wussten nicht, was mit mir nicht stimmte“, erzählt der 37-Jährige.

Kein Arbeitgeber wollte ihn trotz des vorgewiesenen Studiums in Australien einstellen. Hung verstand die Welt nicht mehr. Dann ging er zu einem Wahrsager, der ihm sagte: „Deine Probleme wurden durch Unglück hervorgerufen. Die Antwort darauf findest du in Len Dong.“

Len Dong ist dem Wissenschaftler Ngo Duc Thinh zufolge aus dem historisch belegten Hang der Vietnamesen zur Verehrung von Göttinnen entstanden. Die Regierung in Hanoi begrüßte das nicht immer: Im Zuge der Säkularisierung des Landes und einer Kampagne gegen „unlautere Bräuche“ und „verwerflichen Aberglauben“ wurde Len Dong 1954 verboten. Die Zeremonien wurden im Geheimen fortgeführt.

Erst Ende der 80er Jahre entdeckte die Regierung Len Dong für sich. Im Zuge des Strebens nach Marktwirtschaft sollte die eigene kulturelle Identität des Landes gegen die Globalisierung behauptet werden. Vietnamesische Wissenschaftler zeigten auf, dass Len Dong ein wichtiger Teil des Kulturerbes Vietnams sei. Seitdem wird Len Dong immer populärer: 1995 erlaubte die Regierung das erste Festival der Geisterbeschwörung. Anfang 2013 startete das Kulturministerium sogar den Versuch, Len Dong zum Unesco-Weltkulturerbe zu machen.

Die Anhänger stammen aus allen Bevölkerungsschichten: Arbeitslose, Ladenbesitzer, Regierungsbeamte. Auch der Polizist Nguyen Van Thu nimmt an den Ritualen teil – seine Frau sei selbst ein Medium, erzählt er. Vor vielen Jahren sei Krebs bei ihr diagnostiziert worden. Nachdem sie sich Len Dong verschrieben habe, sei sie wieder vollständig genesen. „Ich bin ein Polizist, kein abergläubischer Mann. Aber es gibt Dinge, die ich nicht erklären kann“, sagt Thu.

Die Rituale wirken für Menschen aus dem Westen befremdlich. Das Medium - in diesem Fall Hotelmanager Hung – trägt Kostüme in verschiedenen Farben. Nach einem spirituellen Tanz setzt er sich hin, während Sänger um ihn herum Lieder in Gedenken an den Geist singen.

Besonders gut bei der Gemeinde kommt an, als Hung Geldscheine ins Publikum wirft. Hung schmeißt nur einen Teil seines Vermögens heraus. Die letzte Zeremonie kostete ihn gut 50 Millionen Dong (rund 1700 Euro). Manche Zeremonien können locker das Sechsfache davon kosten. Hung bereut die Ausgaben nicht. Schließlich sollen die Rituale Glück, Gesundheit und Wohlstand bringen, glaubt er.


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