Konkurrenz auf dem Dach: Schornsteinfeger bald in der Marktwirtschaft?

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07. April 2008, 07:51 Uhr

Bützow/Güstrow - Schimpfende Kunden – das kennt jeder Schornsteinfeger in der Region. Egal, ob viermal jährlich beim Kehren oder alle zwei Jahre bei modernen Brennwert-Geräten: Rückt der Mann in Schwarz an, ist die Fröhlichkeit meist vorbei, das Glücksbringer-Image Nebensache. „Wenn die Rechnung kommt, gehen die Diskussionen los“, sagt Hans-Dieter Murr, Kreisobmann der Schornsteinfeger im Landkreis Güstrow.

Bald soll alles anders werden: Der Bundesrat befasst sich derzeit mit der Monopolstellung der „Schornis“ in Deutschland; vor Jahren hatte die Europäische Union gefordert, dass dieser Markt sich öffnen müsse. Demnächst könnte das neue Gesetz stehen.

Die Ängste der hiesigen Schornsteinfeger waren groß. Kehren bald Kollegen aus Polen die Kaminzüge in Bützow und Güstrow, weil sie deutlich billiger sein können? Hans-Dieter Murr glaubt das nicht, denn: Die aktuellen Gebühren seien nicht hoch. Für das Kehren eines Schornsteins bekomme er gerade mal gut 13 Euro, egal wie oft und wie weit er hinfahren müsse. „Viel billiger bekommen das Polen nicht hin“, glaubt Murr. Er kritisiert vielmehr den bevorstehenden Anstieg an Burokratie. Laut Gesetzentwurf sollen Kunden verbindlich ab 2014 den Schornsteinfeger frei wählen können; bisher besetzt ein „Schorni“ seinen Bezirk als Lebensstellung. Er sichert im Auftrag des Staates den Brandschutz und treibt dafür Gebühren ein, die festgelegt sind – und das bei vielen Auflagen. Im Kreis Güstrow gibt es zehn Meister für rund je 2000 Grundstücke – mit je einem Gesellen, dazu ingesamt vier Azubis.

„Mit der Marktwirtschaft kommt der Zeitdruck“, erklärt Murr. Er glaubt: Die Qualität werde leiden, wenn Schornsteinfeger mehr auf die Uhr schauen müssen. Der Vorteil bisher: „Dies ist ein Haus-zu-Haus-Geschäft.“ Fahre er nur noch einzelne Kunden an, werden Aufwand und Kosten steigen. Murrs Hinweis: Auch der „Schorni“ könne sich künftig seine Kunden aussuchen. Wer z.B. nicht bezahlt, den müsse er zunächst auch nicht bedienen.

Kritik am schwarzen Mann hagelt es meist dann, wenn er unmittelbar nach der Heizungsfirma erscheint, die die Anlage wartet. Er habe jedoch ganz andere Aufgaben, müsse auch Dinge prüfen, die der Heizungsmann nicht betrachtet, so Murr. Er räumt mit Vorurteilen gegenüber seiner Zunft auf: „Das Monopol hat der Staat, nicht der Schornsteinfeger.“ Rund 90 Prozent der Kunden seien zufrieden.

Viel ändern werde sich ab 2014 in der Praxis wohl nicht. Denn der Glücksbringer heißt dann Bezirksverantwortlicher. Ergo: Egal, wer den Kamin kehrt, der Kunde müsse sich beim zuständigen Meister einen Kehrschein holen, ihn dort wieder abgeben – und den Meister hin und wieder doch reinlassen. Neues allerdings erwarte die Zunft: Alle sieben Jahre müsse sich ein Meister neu um seinen Bezirk bewerben. Künftig könnten Schornsteinfeger sogar selbst ihren Meister-Abschluss im Heizungsbau machen und dann weiteren Service anbieten.

Hans-Dieter Murr setzt auf die soziale Verantwortung: Der Schornsteinfeger dringe täglich in die Privatsphäre von Menschen ein, weil er es müsse. „Wir wissen, wo bei vielen der Schlüssel liegt.“ Auf dieses Vertrauen setze er auch in Zukunft.

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