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16. Oktober 2017 | 23:51 Uhr

Kohlrabi statt Blumen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Gerda Gräber sorgt sich um ihren schwerkranken Mann mehr als um sich selbst

svz.de von
erstellt am 01.Aug.2017 | 18:27 Uhr

Das Leben hat es oft nicht gut gemeint mit Gerda Gräber: Bevor sie zehn Jahre alt war, hatte sie schon ihren Vater in Stalingrad und ihre ostpreußische Heimat verloren. Die harten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg voller Hunger und Entbehrungen hat sie bis heute nicht vergessen.

40 Jahre lang hat die Perlebergerin gearbeitet, erst als Kinderpflegerin, später im Büro. Dann machte die Gesundheit nicht mehr mit, Gerda Gräber musste noch kurz vor dem regulären Ruhestand eine Invalidenrente beantragen.

Zwei Kinder haben ihr Mann und sie großgezogen – schon seit 61 Jahren sind beide verheiratet. Den gemeinsamen Lebensabend wollten sie genießen, „wir wollten immer noch tanzen gehen bei der Awo, wenn wir alt sind“, erzählt die Seniorin.

Doch wieder meinte es das Schicksal nicht gut. Vor sieben Jahren wurde bei Gerda Gräbers Mann die Diagnose Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) gestellt – dahinter verbirgt sich eine heimtückische degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems, bei der die Muskeln – unter Umständen auch die zum Sprechen, Schlucken und Atmen benötigten – den Dienst versagen. „Seit fünf Jahren kann mein Mann schon nicht mehr sprechen, essen kann er nur noch Flüssiges. Und inzwischen liegt er steif wie ein Brett im Bett“, erzählt Gerda Gräber, die dabei die Tränen kaum noch zurückhalten kann. „Aber geistig ist er noch voll da, er bekommt das alles mit“, versucht sie, den Schrecken in Worte zu fassen.

Weil sich der Zustand des heute 84-Jährigen immer weiter verschlechterte, zog das Ehepaar vor einigen Jahren in eine behindertengerechte Wohnung im Stadtzentrum von Perleberg. Doch inzwischen wohnt Gerda Gräber allein dort: Ihr Mann muss seit dem letzten Sommer in einem Heim betreut werden. „Auch wenn ständig Leute vom Pflegedienst hier waren – nachts und morgens bis um halb zehn war ich mit ihm alleine, irgendwann hab ich das nicht mehr geschafft“, erklärt sie.

Die gesamte Rente ihres Mannes geht nun – neben dem Geld, das er von der Pflegeversicherung bekommt – für die Heimkosten drauf. Gerda Gräber steht für die Miete und ihren eigenen Lebensunterhalt nur ihre Rente zur Verfügung – und die fällt, obwohl sie in ihrem Leben knapp 40 Jahre lang gearbeitet hat, nicht üppig aus: 757,88 Euro bekommt die Perlebergerin im Monat. Den größten Teil davon, 476,50 Euro, muss sie für die Miete gleich wieder ausgeben – eine behindertengerechte Wohnung ist nun mal teurer als „normaler“ Wohnraum. Dass Gerda Gräber in ihrem Alter dennoch nicht mehr umziehen mag, ist verständlich – zumal es auch um ihre Gesundheit nicht besonders gut bestellt ist: „Der Rücken und die Füße machen oft einfach nicht mehr mit“, erzählt die Seniorin. Außerhalb der Wohnung fährt sie deshalb mit einem E-Rollator. Die Wanne in ihrem Badezimmer hat sie noch nie benutzt, weil sie nicht hinein- bzw. herauskommen würde. Zum Glück gibt es daneben auch eine ebenerdige Dusche.

Seit Anfang dieses Jahres bekommt Gerda Gräber immerhin 62 Euro Wohngeld. „Ehrlich gesagt hatte ich mir aber mehr erhofft, ich hatte gelesen, dass es bis 520 Euro Wohngeld im Monat geben kann…“, gesteht die Seniorin. Energie, Telefon, Zeitung, pro Monat wenigstens 50 Euro an Medikamentenkosten für ihren Mann – unter dem Strich blieben ihr im Monat nicht mehr als 180 Euro zum Leben. Und davon muss sie sich unter anderem noch die 240 Euro absparen, die sie als chronisch Kranke zu Beginn jeden Jahres für Medikamentenzuzahlungen an die AOK überweisen muss.

Den Enkeln hätten sie, wenn nötig, noch finanziell unter die Arme greifen können, erzählt Gerda Gräber. Für die mittlerweile vier Urenkel sind Geschenke aber nicht mehr drin, bedauert die stolze Oma, die das ganze Wohnzimmer mit Fotos der Kleinen dekoriert hat. Am allermeisten aber spart sie an sich selbst: „Früher bin ich jeden Freitag zum Frisör gegangen zum Waschen und Legen. Jetzt geh’ ich höchstens noch alle sechs Wochen zum Schneiden.“ Auf der Terrasse zieht sie in Kübeln Tomaten, auf dem Beet davor hat sie die Blumen durch Kohlrabis ersetzt. „Blumen kann man nicht essen“, hätte sie ihrer Tochter gesagt, als die nach einem Grund dafür fragte. Und wenn es Gerda Gräber ganz schlecht geht, sagt sie: „So lange werde ich ja nicht mehr haben.“

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