Königshaus grüßt Elite

von
19. Februar 2008, 07:59 Uhr

Wer sagt, „ich gehöre zur Elite“, gehört wahrscheinlich nicht dazu, sagt der Wissenschaftler Prof. Julian Nida-Rümelin. Und Klaus Zumwinkel? Was läuft falsch in derartigen Fällen? Experten sagen, es gibt einen Webfehler für Spitzenjobs: „Inzucht“ zerstört schleichend die Moral.

Der Fall Zumwinkel schlägt Wellen. Der Name des wahrscheinlichen Millionen-Steuersünders wird mehr und mehr zum Synonym für Raffgier und das Versagen der so genannten Elite. Die offenkundig höchstens diffusen Vorstellungen von Ethik und Moral in höchsten Spitzenämtern erstaunen auch diejenigen, die im eigenen Mikrokosmos zwar Schwarzarbeit in Ordnung finden, die sich aber ein derartiges Ausmaß von Asozialität nicht haben vorstellen können.

Anders gesagt: Solche Vorbilder will keiner. Schlimmstenfalls justiert „der da unten“ seine Moral-Parameter nach dem Vorbild von „dem da oben“ neu und potenziert den volkswirtschaftlichen Schaden um ein Vielfaches.

Was ist los mit der deutschen Elite? Gibt es sie überhaupt, oder haben sich die Dinge mit dem Tausch einiger Buchstabenpositionen längst in Richtung „eitel“ verschoben? Hat der Elitebegriff in unserer Gesellschaft noch mit Leistung zu tun? Mit Vorbild?

Politiker aus nahezu allen Parteien werfen der Wirtschaftselite in Deutschland bereits pauschal mangelndes Verantwortungsbewusstsein vor: Der SPD-Fraktionschef im Bundestag spricht schnörkellos von „Raffgier“ in den Vorstandsetagen, Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagt, ein „nicht unerheblicher Teil der wirtschaftlichen Elite gefährdet die soziale Marktwirtschaft“. Der Ruf nach Selbstreinigung wird nicht allein von CSU-Wirtschaftsminister Michael Glos ausgestoßen.

Wir ahnen alle, dass es dafür Zeit wird. Weil der Verfall von Anstand sowie die Zunahme von Korruption an den Spitzen der Gesellschaft die Masse zunehmend das marktwirtschaftliche System grundsätzlich in Frage stellen lassen. Wer die Bananenrepublik Deutschland nicht will, muss gegensteuern. Dazu gehört auch (noch!), vorsichtig mit General-Verurteilungen zu sein, auch wenn die objektive Zunahme von Einzelfällen den Reiz erhöht.

Wer Exzellenz, Elite und Leistung für eine im Weltmaßstab gut funktionierende Gesellschaft für wichtig hält, muss mit seinen Überlegungen bei den Vorbildern anfangen. Und es wird schnell klar, dass eine Wende anstrengend wird. Das Erlesene oder auch Erhabene verlange „die Aufbietung aller Kräfte, sonst wäre es wohl häufiger anzutreffen“, zitiert der Hamburger Soziologe Prof. Sven Papcke den Philosophen Baruch de Spinoza, der seine Monumental-Ethik von 1677 mit dem Satz schließt: „Alles Exzellente ist ebenso mühselig wie selten.“

Heute scheint es gelegentlich so, als sei der Elitebegriff identisch mit dem Machtbegriff und weit weg von Ethik. Anders gesagt: Es besteht die Gefahr, dass die gefühlte Elite Meilen weit weg von der Exzellenz-Erwartung ist, die richtig verstandene Eliten (eigentlich) auszeichnet.

Mit Blick auf Eliteversagen in Deutschland haben wir es womöglich mit der Degenerationserscheinung einer „closed-shop“-Kaste zu tun. „Die deutschen Eliten sind männlich“, sagt der Soziologe Michael Hartmann, aber die Einschränkungen gehen noch weiter. Elite bleibt im Kern unter sich, rekrutiert sich aus sich selbst und ist so besonders anfällig für „Inzucht-Tendenzen“ und damit für eine Verschiebung von Werte-Skalen zu Gunsten eigenverliebter Machtgelüste und zu Ungunsten leistungsabhängiger Entwicklungen oder ethisch-moralischen Handelns.

Nicht auszuschließen, dass Fälle wie der von Post-Chef Zumwinkel gute Beispiele für diesen gefährlichen Mechanismus sind. Wenn das so wäre, müsste man Zumwinkels Nachfolger Frank Appel schon heute mit Argwohn begegnen, allein weil „Kasten-Mitglied“ Zumwinkel ihn als Kronprinzen, als „einen von uns“, ausgesucht hat. Appels ähnlicher Umgang mit privaten Post-Aktien zum eigenen Nutzen ist vielleicht schon ein erster Hinweis.

Hartmann weist darauf hin, dass Spitzen-Entscheider Unternehmensvorstände im Grunde als Schicksalsgemeinschaft verstehen, die gemeinsam erfolgreich sei oder scheitere. Dort hinein wähle oder berufe man nur jemanden, der qua Geburt schon „dazu gehört“.

Habituelles spiele eine wesentliche Rolle, manchmal sogar eine größere als Leistung. Dress- und Benimmcodes seien so wichtig wie unternehmerisches Denken und Souveränität. Bei diesem Elite-Verfahren werde deutlich, sagt Hartmann, dass die Entscheider mit den wichtigen Merkmalen im Prinzip immer den Mann beschreiben, für den sie sich selbst halten.

Zerstört diese Elite-Inzucht die Moral? Nicht zwingend, aber die Wirtschaftselite wäre gut beraten, auf eine größere soziale Durchlässigkeit in ihren Kreisen zu achten, um gegenzusteuern. Frisches Blut hat schon vielen Königshäusern gut getan und manchen Klumpfuß verhindert. Das kann die Lehre aus dem Fall Zumwinkel sein.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen