Kommentar des Chefredakteurs : Kodex unverzichtbar für Selbstkontrolle

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09. März 2016, 07:56 Uhr

Wenn im brandenburgisch-mecklenburgischen Seenland wieder einmal Bootsmotoren (wahlweise Autos oder Landmaschinen) verschwinden, was ist dann die erste Assoziation des braven deutschen Lesers? Klar: „Kaum gestohlen, schon in Polen.“

Doch wer solche Polizeimeldungen recherchiert (was journalistische Aufgabe wäre) statt nur abdruckt, stellt womöglich fest, dass an der Diebstahlsserie gar kein Pole, sondern Litauer oder Weißrussen beteiligt waren - und zudem einheimische Deutsche. Was tun? Seit der Salonfähigkeit des Wutbürgertums sollten wir Medien geprüfte Fakten klar benennen, statt von „Tätern fremdländischen Aussehens“ zu schwurbeln. Schließlich ist es Aufgabe der Presse, in Angelegenheiten von öffentlichem Interesse zu berichten - und nicht zu verschleiern. Zugegeben: In der Vergangenheit haben wir Medien uns oft zu sklavisch an die Ziffer 12 gehalten und die Herkunft von Tätern politisch korrekt unnötig verbrämt.

Seit den Kölner Silvester-Ereignissen kippt indes die Medienlandschaft ins andere Extrem: Bei jeder Gelegenheit werden jetzt ohne Not Ethnie, Herkunft oder andere Attribute genannt – und so teils auch wieder Vorurteile geschürt und Minderheiten diskriminiert: Wenn etwa ein seit 20 Jahren in Deutschland lebender Iraner oder Vietnamese einen Unfall verursacht - was hat da die Herkunft mit dem Sachverhalt zu tun?! Gar nichts. Selbst die Umschreibung „ausländischer Herkunft“ führte in diesem Falle zum Trugschluss beim Leser: Aha, wieder so ein Flüchtling.

Kurzum: Sowohl die Nennung wie auch die Nicht-Nennung von Attributen kann Minderheiten diskriminieren. Der Kodex ist eine Richtlinie, kein Gesetz. Und selbst Gesetze enthalten Ermessensspielräume für die Wechselfälle des Lebens.

Der Streit um Sinn oder Unsinn der Ziffer 12 ist einerseits wohltuend: Endlich diskutiert die seit Jahren in die Defensive gedrängte Presse wieder offensiv über Qualitätskriterien. Da ist der Pressekodex ein gar nicht hoch genug zu schätzender Maßstab für Selbstkontrolle und Selbstvergewisserung eines sonst höchst ungeregelten Berufsstandes. Er hilft, Angriffe auf und Zumutungen für die Freiheit und Glaubwürdigkeit der Presse abzuwehren. Deshalb wäre die Abschaffung fatal.

Unstrittig ist, dass er überarbeitet, den Realitäten angepasst werden muss. Eine solche Reform wäre nicht sonderlich neu. Fortschreibungen des Kodex’ gab es seit seiner Ratifizierung durch Bundespräsident Gustav Heinemann 1973 mehrfach.

Am Ende nimmt das alles den Chefredaktionen die Verantwortung für die Entscheidung im Einzelfall nicht ab.

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