Kleiner Rettungsanker in Sicht?

 Wurde wegen des Publikumandrangs sogar ins große Haus verlegt: Das Jugendstück 'Chatroom'  ist eigentlich im Malsaal zu sehen.
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Wurde wegen des Publikumandrangs sogar ins große Haus verlegt: Das Jugendstück "Chatroom" ist eigentlich im Malsaal zu sehen.

Der zweite Auftritt des vor gut drei Monaten gegründeten Fördervereins des Kinder- und Jugendtheaters Mecklenburgisches Landestheater Parchim e.V. mit dem bezeichnenden Namen "Spot an" ging unter die Haut. Die von ihm angeregte öffentliche Diskussion zur weiteren Perspektive des Hauses mit einem eigenständigen Ensemble blieb zwar ohne Happyend, machte aber vor allem eines deutlich: Über die von Kultusminister Henry Tesch angestrebte Theaterreform ist beim Publikum das letzte Wort noch lange nicht gesprochen.

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16. Januar 2009, 09:30 Uhr

Parchim | Volles Haus am Donnerstag abend im Parchimer Theater: In der Theatergaststätte mussten die Besucher eng zusammenrücken. Zahlreiche Interessierte vom Kommunalpolitiker, Lehrer, Schüler bis hin zum Pastor, die meisten augenscheinlich treue Theatergänger, hatten sich eingefunden. Sie fühlten sich förmlich hingepeitscht von der Sorge, ob sie hier auch künftig noch solch eindrucksvolle von einem eigenen Ensemble produzierte Stücke wie "Chatroom", "Das Herz eines Boxers " oder "Sofies Welt" sehen können. Sie teilen die Angst, dass ihnen eine Begegnungsstätte genommen wird, die doch zum unverzichtbaren Bestandteil des Lebens in der (noch Kreis)Stadt gehört. Für Heidi Mischke aus Parchim zum Beispiel bedeutet das Mecklenburgische Landestheater Lebensqualität. Die regelmäßige Theaterbesucherin darf von sich behaupten, in den letzten Jahren so gut wie alle Inszenierungen gesehen zu haben. Deshalb weiß sie auch, wovon sie spricht, wenn sie sagt, die in den Kinder- und Jugendstücken aufgegriffenen Themen seien so wahnsinnig dicht am Leben, mit so viel Gespür inszeniert, dass sie Jugendliche ansprechen und uns Erwachsene stark berühren. Dass sie zur Herzensbildung beitragen. Darauf kampflos verzichten möchte sie nicht. Deshalb gehörte die Physiotherapeutin zu den Gründungsmitgliedern eines Vereins, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Arbeit des Theaters zu fördern und seine Position unter den Kultureinrichtungen der Region zu stärken. Das wird zum Überlebenskampf, seit Kultusminister Henry Tesch im Sommer vergangenen Jahres mit einem Diskussions- und Eckpunktepapier zur Weiterentwicklung der Theaterstrukturen in MV herausrückte (SVZ berichtete). Die Umsetzung dieses Papiers bedeutet faktisch das Aus für das Kinder- und Jugendtheater Parchim als eigenständiges Theater.

Den Ernst der Situation (Vereinsvorsitzender Dr. Fritz-Detlev Witte: "Es ist fünf vor zwölf") wollten die Theaterförderer am Donnerstag der breiten Öffentlichkeit ins Bewusstsein rücken und zugleich die Diskussion anschieben, mit welch machbaren Alternativen die Landesregierung zum Umdenken gezwungen werden kann. Dass das Tesch-Konzept an einigen Punkten Korrekturbedarf habe, wollten die beiden Landtagsmitglieder Jörg Vierkant (CDU) und Dr. Klaus-Michael Körner (SPD) gar nicht in Abrede stellen. Sie hatten gemeinsam mit Parchims Bürgermeister Bernd Rolly, der mit einem leidenschaftlichen Plädoyer vor der Arbeit des Ensembles den Hut zog, und dem stellvertretenden Landrat Andreas Neumann auf dem Podium Platz genommen. Die beiden Landespolitiker bekamen noch einmal eindringlich hinter die Ohren geschrieben, dass hier eine Spielstätte wegfusioniert werden soll, die mit ihrer Ausrichtung speziell auf Kinder- und Jugendtheater ein unersetzlicher Bildungsfaktor sei und Identifikation stiftet. Und die sich doch in Wahrheit schon seit langem aufgestellt hat für eine Theaterreform, die nicht von künstlerischen, sondern finanziellen Prämissen bestimmt wird: Seit 1989 ist die Belegschaft der Parchimer Theaterstätte von ca. 100 auf aktuell 35 Leute heruntergeschrumpft worden. Sie stemmen pro Jahr 250 Vorstellungen vor Ort oder in den zahlreichen Abstecherorten bis hin nach Stralsund, Greifswald und Neustrelitz. "Das kann nur gelingen mit einem geschickten, komplexen Spielplan", verhehlte Parchims Theaterleiter Thomas Ott-Albrecht nicht, dass die Grenze der Belastbarkeit für den Einzelnen bereits erreicht ist.

Und wie sieht es nun mit vertretbaren Alternativen aus? Die Idee von Dr. Klaus-Michael Körner, die Orchesterzuschüsse für Schwerin und Rostock zu reduzieren, im Land zwei B-Orchester zu erhalten und die frei werdenden Mittel etwa für die dauerhafte Sicherung der Standorte Parchim oder Anklam zu verwenden, dürfte in den betroffenen Häusern für einen Aufschrei sorgen. Auf Solidarität in großem Stil setzt die Linke im Landtag: Sie schlägt die Bildung eines Theater- und Orchesterverbundes als Stiftung vor, die das Überleben aller Bühnen sichern soll, wie Landtagsabgeordneter Torsten Kolpin in die Diskussion einwarf.

Auch wenn das Damoklesschwert weiter über dem Parchimer Theater schwebt, habe sich der Abend für den Vorsitzenden des Fördervereins gelohnt. "Ein Hoffnungsschimmer bleibt. Wir werden unsere Werte auch weiterhin in die Waagschale werfen", kündigt Dr. Fritz-Detlev Witte an. Dass der Förderverein dabei auf breite Unterstützung des Publikums zählen kann, dessen darf er sich einmal mehr gewiss sein. Ausgerechnet an diesem Abend musste sogar die ansonsten im Malsaal gezeigte Inszenierung von "Chatroom" ins große Haus umziehen, damit alle Gymnasiasten aus Perleberg eine Karte bekamen.

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