zur Navigation springen
Neue Artikel

18. November 2017 | 20:51 Uhr

Keine Planstelle für Heilige

vom

svz.de von
erstellt am 18.Mär.2012 | 07:13 Uhr

Die aufgeregten Wochen sind vorbei. Joachim Gauck ist jetzt Bundespräsident. Gewählt mit großer Mehrheit und etlichen Denkzetteln. Was sich einstellt? Erleichterung, denn mit Gaucks Anfang endet auch die Tragikömodie um Christian Wulff. Aus Schloss Bellevue soll in Zukunft wieder Geistreiches zu hören sein – und keine Stellungnahmen über Hotelrechnungen und Hauskredite. Das ist die erste Hoffnung. Auch die zweite klingt selbstverständlich: Gauck soll bis zum Ende seiner Amtszeit 2017 durchhalten.
Beide Wünsche widersprechen der These, dass er ein schwieriges Erbe antritt. Das Gegenteil ist der Fall. Die Erwartungen sind gedrosselt nach den Erfahrungen in den vergangenen Jahren. Gauck kann einfach anfangen.
Das heißt für ihn: Erst Themen finden, dann Fragen beantworten. Zur Demokratie, zur Freiheit, zur Bürgergesellschaft, zur Integration, zu Europa und der Finanzkrise. Das heißt für Kritiker: An seinen Reden als Bundespräsident soll er sich messen lassen – und nicht an den gestreuten Halbsätzen aus der Zeit davor. Gauck ist weder Neoliberaler noch Sarrazin-Freund, weder Kriegsbefürworter noch Occupy-Gegner. Die Linken konnten ihn mit Anti-Gauck-Reflexen nicht verhindern – und konnten ihm mit Beate Klarsfeld (Nazi-Jägerin kontra Stasi-Jäger) allenfalls ein paar Stimmen abtrotzen.
Und die vielen Enthaltungen in der Bundesversammlung? „Ich werde unangemessen gehasst, und ich werde unangemessen geliebt“, hat Gauck mal gesagt. Beides ist richtig. Und beides hat groteske Züge angenommen. Beispiel Parteien. Gauck wurde in den vergangenen Wochen von Politikern gefeiert, die ihn vor zwei Jahren noch ablehnten, weil er von außen kam, weil man ihm das hochpolitische Amt nicht zutraute, weil er auf Vorschlag von SPD und Grünen kandidierte. Jetzt wurde er zum Bundespräsidenten gewählt, weil er von außen kommt, weil man ihm das Amt zutraut, weil er für fünf Parteien (Rot-Grün plus die verkrachte Koalition) angetreten ist, die sich allesamt zum Konsens taktiert haben. Ganz offensichtlich, und ganz offensichtlich mit der Konsequenz, dass nicht alle Wahlleute diesen Wendungen folgen wollten.
Gauck wurde mit einem ehrlichen Ergebnis gewählt. Auch weil er aneckt und polarisiert. Er ist ein Querdenker. Für den einen erfrischend, für den anderen eine Zumutung. Aber eine Planstelle für Heilige war ja nicht zu vergeben.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen