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19. November 2017 | 15:22 Uhr

Kein Lebens- und kein Todeszeichen

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erstellt am 01.Feb.2013 | 06:18 Uhr

München | Der Gefreite Johann Rauchberg war erst 20 Jahre alt, als er in die Schlacht von Stalingrad zog. Er sollte nie in seinen Heimatort Dachau zurückkehren. Seine Mutter Emilie suchte vergeblich nach ihm. Alles, was ihr blieb, war ein Gutachten mit dem Ergebnis: Ihr Sohn war wahrscheinlich gefallen - wie so viele mit ihm. "Wenn auf den langen Märschen durch den Schnee jemand liegen blieb, dann blieb der liegen", sagt Heinrich Rehberg, Leiter des Deutschen Suchdienstes des Roten Kreuzes in München. Der Suchdienst hat das Gutachten für Johann Rauchberg erstellt - wie für Millionen Andere.

Rund 150 000 deutsche Soldaten starben nach Schätzungen des Deutschen Historischen Museums bei Kämpfen im berüchtigten Kessel von Stalingrad oder kamen durch Kälte oder Hunger um. Weitere 91 000 gerieten in Kriegsgefangenschaft. Zurück nach Hause kamen nur 6000.

1955 kamen die letzten Stalingrader wieder nach Deutschland, danach kam niemand mehr. "All die Mütter, die diese Soldaten aufgezogen haben, die hatten eigentlich etwas anderes vor mit ihren Kindern, als sie am Rande von Europa, da, wo Asien beginnt, für eine Ideologie zu opfern."

Und so suchten Mütter, Väter, Ehefrauen und Kinder - verzweifelt und oft jahrelang. Der Suchdienst half ihnen dabei. "Je teurer uns ein Mensch gewesen ist, um so tiefer würden wir ihn verleugnen, wenn wir uns weigerten, an der letzten und gewaltigsten Erschütterung seines Daseins, so wie sie wirklich war, teilzunehmen", steht heute an einer Wand im Eingangsbereich der DRK-Suchdienst-Zentrale in München.

Schon 1945 nahm der Dienst seine Arbeit auf und versuchte herauszufinden, wo vermisste Soldaten sich befanden und wer wo in Kriegsgefangenschaft geraten war. Im Jahr 1950 wurden alle Familien aufgerufen, ihre Vermissten zu melden. Die Zahl stieg nach der Erfassung zwischen dem 1. und 11. März 1950 auf 2,5 Millionen Vermisste. Der Suchdienst erfasste ihre Namen und Daten, legte umfassende Bücher mit Fotos an und diese Heimkehrern mit der Frage vor: "Hast Du ihn gesehen?" Sechs Millionen Heimkehrer wurden so befragt.

Bis heute ist das Schicksal der Hälfte aller deutschen Soldaten in Stalingrad dennoch ungeklärt. "Die sind verdorben und gestorben", sagt Rehberg und zeigt auf das Bild eines Leichenberges nach der Schlacht. "Da hat niemand mehr nachgeschaut. Wer sollte dort noch jemanden finden?"

Heute gibt es noch 1,2 Millionen ungelöste Fälle, sagt Rehberg, darunter zahlreiche aus Stalingrad. Er hat aber die Hoffnung, dass Tausende weitere in Zukunft, auch Jahrzehnte nach Kriegsende, noch geklärt werden können. Denn in den 1990er Jahren hat der Suchdienst einen großen Schatz gefunden. "Plötzlich haben uns die Russen in die Bücher schauen lassen." Etwa fünf Millionen Datensätze zu rund drei Millionen deutschen Kriegsgefangenen in Russland sind inzwischen in München angekommen.

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