Hintergrund : Kaum einer ist zurückgekommen

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14. November 2014, 19:07 Uhr

Zu Beginn der nationalsozialistischen Diktatur lebten in Mecklenburg gut 1000 Juden in 47 Gemeinden. Die Zahlen für Vorpommern sind nicht bekannt. Wie im ganzen NS-Staat wurden sie diffamiert und schikaniert. Ihre Geschäfte wurden boykottiert oder sie durften ihre Berufe nicht mehr ausüben. 1937 hatten bereits 300 Juden Mecklenburg verlassen. Die Pogrome am 9. November 1938, als der nationalsozialistische Mob Geschäfte plünderte und Synagogen zerstörte, waren ein vorläufiger Höhepunkt der Judenverfolgung. Allein in Schwerin wurden die 16 noch in der Stadt lebenden männlichen Juden verhaftet und ins Zuchthaus Neustrelitz gebracht, so Stadtarchivar Bernd Kasten, der bereits 1995 den Schicksal der Schweriner Juden nachspürte. Wer es schaffte, sich ein Ausreisevisum zu besorgen, wurde entlassen. Allerdings mussten sie sich Visa und Genehmigungen mit Zwangsabgaben teuer erkaufen. Viele Juden wurden gezwungen, ihre Habe weit unter Wert zu veräußern.

Nicht nur Louis Kychenthal verkaufte während der Haft in Neustrelitz sein Kaufhaus in Schwerin zu lächerlichen Bedingungen.

1945 sollen in Mecklenburg noch 46 Juden gelebt haben. Von den Schweriner Juden waren 47 ermordet oder in den Selbstmord getrieben worden. 55  Schweriner Juden retteten ihr Leben, indem sie auswanderten. Einige weitere wurden allerdings auch im sicher geglaubten Ausland, etwa in Polen oder in Holland, von den Nazis verschleppt und getötet. 34 Schicksale gelten als ungeklärt. Von den wenigen Juden, die überlebt hatten, kehrte kaum jemand zurück. In den 1970-er Jahren scheiterte der Versuch, in Schwerin wieder eine jüdische Gemeinde zu etablieren. Erst seit Mitte der 1990-er Jahre kamen nach und nach knapp 2000 Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Schwerin, Rostock und Wismar. Die jüdischen Gemeinden mit den neu gebauten Synagogen in Rostock und Schwerin sind deshalb nicht nur religiöse Zentren, sondern auch Sozialstation, Sprachschule und gesellschaftlicher Treffpunkt.

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