Karteileichen, Fragebögen, Datenlöcher und ein schrumpfendes Volk

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03. Dezember 2008, 08:22 Uhr

Wie viele sind das Volk? Nach mehr als 20 Jahren wird es 2011 wieder eine Volkszählung geben. Die erste gesamtdeutsche seit der Wende und erstmals in ganz Europa. Das Bundeskabinett verabschiedete am Mittwoch den Entwurf für ein Zensus-Gesetz und setzt damit EU-Vorgaben um. Etwa 17,5 Millionen deutsche Wohnungs- und Hausbesitzer und bis zu 3,5 Millionen Haushalte müssen viele Fragen beantworten. Schon jetzt steht – analog zur Lage in MV – eines fest: Die Bevölkerungszahl ganz Deutschlands wird schrumpfen.


Hintergründe zur Volkszählung 2011

Warum braucht man eine Volkszählung? Volkszählungen gab es schon in der Antike. Sie sollen den im Lauf der Jahre ungenau gewordenen Datenbestand korrigieren und eine verlässliche Grundlage für Entscheidungen liefern. Sonst kommt es zu Fehlplanungen und -investitionen. Die bei einer Volkszählung ermittelte Bevölkerungszahl ist Bemessungsgrundlage etwa für den Finanzausgleich, die Einteilung der Wahlkreise, die Stimmenzahl der Länder im Bundesrat, aber auch für die Besoldung von Bürgermeistern und Landräten.

Was hat der Bürger davon?

„Er wird in seinem privaten Leben – wenn auch nur mittelbar – eine Menge davon haben“, sagt der ehemalige Präsident des Statistischen Bundesamtes, Johann Hahlen. Die Ergebnisse wirken sich z.B. auf Klassengrößen aus, auf die Planung von Krankenhäusern und den Bau von Kindergärten. Auch darauf, wie Lebensversicherungen, Rentenlasten oder Kredite aufgrund der aktualisierten Lebenserwartung und Zeit im Berufsleben vergeben werden...

Warum kann die Statistik diese Daten nicht liefern?
Die moderne Statistik erhebt viele Daten. Im Laufe der Jahre werden aber grundlegende Informationen trotz penibler Fortschreibung – seit der letzten Volkszählung werden die Statistiken vor allem durch Geburten, Sterbefälle und Zuzüge aktualisiert – immer ungenauer. So stimmen Angaben über die Bevölkerung und die Zahl der Wohnungen oft nicht mehr mit der Realität überein. Die Ursachen: Flüchtlingsströme, die Wende, Wanderungsbewegungen, europäische Integration. Hahlen: „Im Moment wissen wir besser, wie viele Rinder es in Deutschland gibt, als wie viele Einwohner wir haben.“

Wann gab es die letzten Volkszählungen?
Die letzte gesamtdeutsche Zählung fand 1946 statt, danach wurde in Ost- und in Westdeutschland getrennt gezählt.

Ostdeutschland: In der ehemaligen DDR fanden von 1950 bis 1981 vier Volkszählungen statt. Die beiden Zählungen 1971 und 1981 waren gleichzeitig Volks- und Berufs-, Gebäude- und Wohnungszählungen. Jede Gemeinde richtete Organisationsbüros ein, die Zähler waren ehrenamtlich tätig. Die ermittelte Bevölkerungszahl wich nur 0,2 Prozent von der vorläufigen fortgeschriebenen Zahl ab.

Westdeutschland: Nach den Volkszählungen von 1961 und 1970 sollte nach dem Zehnjahresturnus bereits 1981 gezählt werden. Aufgrund von Unklarheiten bei der Kostenverteilung zwischen Bund und Ländern platzte der Termin. Eine Klage sorgte für weitere Verzögerungen. Erst 1987 konnte die Volks-, Berufs-, Arbeitsstätten-, Wohnungs- und Gebäudezählung in der BRD durchgeführt werden. Jeder, der in Deutschland wohnhaft war, füllte allein oder mit einem von 500000 Interviewern, die von Haus zu Haus gingen, einen Fragebogen aus. Die Ergebnisse zeigten große Abweichungen bei der Fortschreibung.

Warum war die Aktion so umstritten?
Der von einer Boykottbewegung begleiteten Volkszählung von 1987 war eine Klage gegen den bereits für 1983 geplanten Zensus vorausgegangen. Das Bundesverfassungsgericht teilte die Datenschutz-Bedenken und stellte ein Grundrecht auf „informelle Selbstbestimmung“ fest. Folge: Der 1983 noch vorgesehene Abgleich mit dem Melderegister war 1987 nicht mehr zulässig. Dennoch riefen in vielen Orten erneut Bürgerinitiativen zum Boykott auf. Kommunen kritisierten die hohen Kosten der Massenbefragung von 630 Millionen Mark. Das Statistische Bundesamt hielt mit einer 30 Millionen Mark teuren Werbekampagne dagegen. Am Ende lag die Quote der Verweigerer bei nur einem Prozent.

Was unterscheidet das Verfahren von dem 1987?

Damals wurden noch alle Bürger befragt. Inzwischen hat die Statistik neue Methoden entwickelt, die solche Massenbefragungen überflüssig machen. Nach der erprobten „registergestützten Zählung“ werden vor allem die bei Meldeämtern und der Bundesagentur für Arbeit vorhandenen Daten erfasst.

Wird überhaupt noch am Ort gezählt?
Ja, in einem sehr begrenzten Umfang. Weil die Erhebung der Registerdaten nicht alle erforderlichen Angaben liefern kann, gibt es Stichproben. Sieben bis acht Prozent der Einwohner erhalten einen Fragebogen. Zusätzlich werden für die Gebäude- und Wohnungsstatistik noch die etwa 17,5 Millionen Immobilienbesitzer befragt.

Wie ist der Ablauf bis 2011?

Voraussichtlich an einem Stichtag im Mai 2011 werden die Bevölkerungs- und Wohnungsdaten EU-weit erhoben. Da es in Deutschland kein zentrales Melderegister gibt, müssen etwa 80 Millionen Datensätze von den Gemeinden gesammelt, abgeglichen und bereinigt werden. Parallel werden rund 70 000 „Erhebungsbeauftragte“ die Bürger befragen. Es besteht Auskunftspflicht, es kann aber auch übers Internet oder schriftlich geantwortet werden. Bereits zwei Wochen vor dem Stichtag werden die Fragebögen an Haus- und Wohnungseigentümer verschickt. Das gesamte Verfahren wird mehr als zehn Monate dauern, Ergebnisse liegen voraussichtlich erst nach zwei Jahren vor.

Wie teuer wird die Zählung?
Die Kosten der Volkszählung werden mit 528 Millionen Euro angegeben. Mit 483 Millionen Euro entfällt der Großteil auf die Bundesländer. Der Bund hat in seiner Etatplanung von 2010 bis 2014 rund 45 Millionen Euro vorgesehen. Zum Vergleich: Eine konventionelle Zählung würde etwa 1,4 Milliarden Euro kosten.

Wird der Datenschutz gewahrt?
Werden Daten gesammelt, besteht grundsätzlich die Gefahr des Missbrauchs. Dem stehen aber gesetzliche Regelungen, der Datenschutz und eine grundlegende Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts entgegen. Die Daten dürfen von der Statistik nicht an Verwaltungsstellen weitergegeben werden. Der Datenschutzbeauftragte hat keine grundsätzlichen Bedenken. Kritik an der „Sammelwut“ gibt es dennoch.

Welches Ergebnis wird erwartet?
Die Volkszählung wird Deutschlands Einwohnerzahl von derzeit rund 82 Millionen nach Ansicht von Statistikern deutlich nach unten korrigieren. Schätzungsweise 1,3 Millionen Bürger verschwänden wohl nach der ersten gesamtdeutschen Zählung aus den Melderegistern, so der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Roderich Egeler. Ein Zensustest ergab 2001 eine durchschnittliche „Karteileichen-Rate“ von 4,1 Prozent. Hochgerechnet wurden etwa 4,8 Millionen Abweichungen gefunden – rund 3,2 Millionen zu viel erfasste und etwa 1,6 Millionen zu wenig erfasste Personen.

Was könnte sich ändern?
Nach der letzten Volkszählung 1987 mussten die Einwohnerzahlen teilweise stark korrigiert werden. Die Veränderungen in den Finanzzuweisungen der Länder und der Kommunen lagen bei 1,6 Milliarden D-Mark. Es gab über eine Million Wohnungen weniger als angenommen. Davor hatte die Politik geglaubt, Wohnbauförderung sei überflüssig geworden. Ähnliche Überraschungen könnte auch die Volkszählung 2011 bereithalten. Auch in der EU hängen z.B. die Zahl der Sitze im Parlament sowie die Höhe der Fördermittel von der Bevölkerungszahl ab.


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