Karriere unter anderen Umständen

Martina Demmler freut sich auf ihr zweites Kind - und auf die  neue  berufliche Herausforderung. karin koslik
Martina Demmler freut sich auf ihr zweites Kind - und auf die neue berufliche Herausforderung. karin koslik

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06. Mai 2011, 06:05 Uhr

Schwerin | Es sollte ein ganz normales Personalgespräch werden. "Im Zuge von Umstrukturierungen wollten wir Frau Demmler anbieten, die Leitung des Sachgebiets Allgemeine Leistungen zu übernehmen", erzählt der Schweriner Barmer/GEK-Regionalgeschäftsführer Oliver Brendgen. Auch Martina Demmler erinnert sich noch sehr gut an diesen Tag - und an ihr mulmiges Gefühl: "Schließlich musste ich meinem Arbeitgeber ja auch etwas sagen." Die 35-Jährige, die im September nach der Geburt ihres ersten Kindes aus der Elternzeit zurückgekommen war, erwartet im August erneut ein Baby. Als sie das aussprach, ging ihr natürlich die Frage durch den Kopf, wie ihr Arbeitgeber wohl reagieren und ob er das Angebot auch unter diesen "anderen Umständen" aufrechterhalten würde. Schließlich kannte auch sie Fälle, in denen die Entscheidung für ein Kind das Ende der Karriere bedeutete…

Interimslösung hilft allen

Martina Demmlers Karriere hatte sich kontinuierlich entwickelt: Nach der Ausbildung zur Sozialversicherungsfachangestellten bei der GEK arbeitete sie anfangs im Kundenbereich. 2000 bewarb sie sich dann auf eine Stelle im Bereich vertragsärztliche Versorgung, in dem sie bis zur ersten Schwangerschaft arbeitete. Die Fusion von GEK und Barmer fiel zeitlich mit der Geburt ihrer Tochter Anna zusammen. Nach der Elternzeit musste die junge Frau daher in ganz neue Strukturen einsteigen - als Sachgebietsleiterin der Barmer/GEK für die vertragsärztliche Versorgung in MV.

Die Stelle, auf die sie nun wechseln sollte, ist eine gleichwertige, allerdings in einem gänzlich anderen Aufgabenbereich. Doch würde sie sie als Schwangere überhaupt noch bekommen?

"Ja, ich habe erst mal geschluckt", gibt Regionalgeschäftsführer Brendgen zu. Doch es gab eine Lösung, mit der alle Beteiligten gut leben können. "Ein junger Mitarbeiter, der Karriere machen möchte, wird interimsweise die Stelle besetzen. Wenn Frau Demmler wiederkommt, hat er beste Voraussetzungen, um sich kassenintern um eine vergleichbare Position zu bewerben", meint Brendgen.

Martina Demmler ist Anfang dieser Woche in ihren neuen Bereich "umgezogen". Bis zum Beginn der Mutterschutzfrist Ende Juni wird sie eingearbeitet - nicht nur in Schwerin, sondern auch in Hamburg. "Die Kollegin, die dort das Sachgebiet leitet, würde ich mir auch gerne zur Patin wählen", erzählt Martina Dammler.

"Patenschaften sind ein Angebot, das wir allen Mitarbeitern in Elternzeit unterbreiten", erklärt Oliver Brendgen. "Die Paten sind sozusagen das Bindeglied zur Firma, sie sollen die jungen Eltern über Veränderungen informieren." Im Anschluss an die Elternzeit bietet die Barmer/GEK Mitarbeitern außerdem ein einwöchiges Kompaktseminar "Wir stiegen wieder ein" an, in dem ihnen im Schnelldurchlauf vermittelt wird, was sich in den letzten Monaten im Sozialversicherungsrecht geändert hat.

"Wir sind eine Frauenkasse"

"Wir sind eine Frauenkasse: Fast zwei Drittel unserer Versicherten sind Frauen, und ähnlich ist die Relation auch unter unseren Mitarbeitern", erläutert Oliver Brendgen, warum die Krankenkasse sich so sehr um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie kümmert. Jungen Eltern würden beispielsweise flexible Arbeitszeitmodelle angeboten, insbesondere Alleinerziehenden würde ein Arbeitsplatz in Wohnortnähe garantiert - und für familiäre Notfälle gebe es in der Geschäftsstelle auch ein Mutter-Kind-Arbeitszimmer.

Letzteres hat auch Martina Demmler mit ihrer kleinen Anna schon genutzt. Wenn deren Geschwisterchen erst einmal auf der Welt ist, "wird das sicher ein bisschen sportlich", weiß die werdende Mutter. Schließlich lägen zwischen beiden Geburten nicht einmal zwei Jahre . Dennoch will Martina Demmler auch mit zwei Kindern wieder Vollzeit arbeiten. "Das Schöne an Schwerin ist ja, dass es hier auch Krippenangebote für Eltern gibt, die abends länger arbeiten müssen." Ihr Mann, der einen geregelten Arbeitstag hat, unterstützt sie dabei.

Krippen-Hol- und -Bringedienste sind für ihn ebenso selbstverständlich wie es die zwei Vätermonate waren, die er nach dem Elternjahr seiner Frau nahm, um Anna zu betreuen. Auch beim zweiten Kind denkt er darüber nach. "Und wenn es trotzdem knapp wird, sind ja auch noch die Omas da. Noch arbeiten sie, aber wenn unser zweites Kind geboren wird, wird meine Mutter schon in Rente sein."


>> Familienkonvent gibt Anregungen für Politik

Schwerin Politiker sollten häufiger die Perspektive eines Kindes einnehmen, bevor sie Entscheidungen treffen. Diese Anregung formulierte Matthias Fischer gestern auf dem zweiten Familienkonvent des Landes. Zusammen mit 65 weiteren Delegierten diskutierte der Vater von sechs Kindern und Verwaltungschef des Klinikums in Güstrow in drei Arbeitsgruppen zahlreiche politische Themen, die für Familien im weitesten Sinne wichtig sind. Besonders im ländlichen Raum sei es zum Beispiel schwierig, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bekommen, wenn allein die Anfahrt zum Job eine Stunde dauere, so Fischer. Dann verbrächten manche Kinder zehn Stunden in der Kita. Fischer: „Kinder sind hart im Nehmen. Aber ist es auch gut für sie?“ Kinder dürften nicht „hinten runter fallen“, wenn Eltern anderen Notwendigkeiten und Interessen nachgehen. Die Herausforderung für die Gesellschaft bestehe unter anderem darin, Familien zu helfen, mehr Zeit miteinander zu verbringen. Unter anderem müssten die Unternehmer dazu beitragen, Arbeit so zu organisieren, dass Arbeitnehmern Zeit für Familien bleibe.

Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD) sagte, sie erhoffe sich vom Familienkonvent „Anregungen aus erster Hand“ für ihre Familienpolitik. Dabei gehe es nicht nur um inhaltliche Vorschläge, sondern auch um Hinweise, welche Prioritäten gesetzt werden sollen.

Am Rande des Konvents nahm Landtagsoppositionschef Helmut Holter (Linke) Schwesigs Familienpolitik aufs Korn. Von ihrem selbstgesteckten Ziel, das kinder- und familienfreundlichste Bundesland zu werden, sei Mecklenburg-Vorpommerns Regierungskoalition immer noch weit entfernt, so Holter. Mehr als 126000 Familien lebten in Armut und würden „von einem chancengleichen Leben ausgegrenzt“. Auch in der Kita- und Schulpolitik seien familienfeindliche Entscheidungen getroffen worden. (afro)

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