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25. November 2017 | 12:41 Uhr

Kanzlerin und Präsident? Das ist schrill

vom

svz.de von
erstellt am 19.Mär.2012 | 05:39 Uhr

Die 44-jährigen Rostockerin Sandra Kunze huscht ein Lächeln übers Gesicht. „Ich bin schon ein bisschen stolz“, sagt sie. „Dass es ein Rostocker so weit nach oben geschafft hat.“ Eben ist Joachim Gauck mit der erwarteten deutlichen Mehrheit von rund 80 Prozent zum elften Bundespräsidenten gewählt worden. „Endlich mal gute Nachrichten aus der Hansestadt“, fügt ihr Mann Jens hinzu.

Gauck war 1940 in der Hansestadt zur Welt gekommen und im nahen Wustrow auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst aufgewachsen. Vor der Wende war er Pastor in der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde in einem der DDR-typischen Plattenbau-Siedlungen Rostock-Evershagen und schloss sich dort der Bürgerrechtsbewegung an. Eine Wegbegleiterin Gaucks seit der gemeinsamen Jugend ist Dietlind Glüer, in deren Worten nach der Abstimmung in Berlin ein klein wenig Skepsis mitschwingen. „Ich habe nicht gedacht, dass er nach der Wahl von Wulff noch mal kandidieren und sich dem Stress aussetzen wird – der Jüngste ist der Jochen ja auch nicht mehr“, sagt sie. Aber wer ihn kenne, wisse auch, dass er – wenn er gefragt werde – die Verantwortung sehe und sich in die Pflicht nehmen lasse. „Es wäre schön, wenn er in seiner Amtszeit ein großes Thema anstoßen könnte“, sagt Glüer. Sie meint, dass Gaucks bisheriges großes Thema, die Freiheit, nicht dauerhaft tragen wird. Sie kann sich gut vorstellen, dass er sich der Themen „Integration von Minderheiten“ und „bürgerliches Engagement im Ehrenamt“ und „offene, tolerante, verantwortliche Gesellschaft“ annehmen wird. „Ich mag Joachim Gauck. Er ist charismatisch, ich mag, wie er redet und mit den Menschen umgeht“, betont die Filmproduzentin Wiebke Possehl. Die Rostockerin hofft, dass Gauck die richtige Entscheidung für sich selbst und Deutschland getroffen hat. „Eine ostdeutsche Kanzlerin, ein ostdeutscher Präsident, das ist richtig schrill“, fügt sie hinzu.

Es sind aber auch kritische Rostocker Stimmen zu hören. „Gauck ist zu alt und zu selbstherrlich“, sagt der Mittdreißiger Dirk Bauer. Noch klarer in seiner Ablehnung Gaucks ist der 72-jährige Hans- Joachim Kaufmann. „Vor der Wende habe ich nie etwas von ihm gesehen oder gehört. Er ist gerade noch als Letzter aufs Trittbrett der Bürgerrechtler gesprungen“, sagt er. Auch die Zustimmung Gaucks zur Linken-Überwachung durch den Verfassungsschutz oder zum Afghanistans- Einsatz sind ihm ein Dorn im Auge. Er kenne niemand, der so richtig für Gauck ist. „Wenn der Name Gauck fällt, bekommen die meisten sehr ernste Mienen.“

Davon ist der Chef der Kunsthalle, Jörg-Uwe Neumann, weit entfernt. „Ich hoffe, dass er überparteilich dem ganzen Land Signale geben kann.“

Kurz erklärt: Historisches Datum: Der 18. März

Die 15. Bundesversammlung kam am 18. März zusammen, dem letztmöglichen Termin nach dem Rücktritt des bisherigen Amtsinhabers Christian Wulff für die Neuwahl des Bundespräsidenten. Das Datum hat für die DDR-Bürgerrechtsbewegung und für Joachim Gauck persönlich eine besondere Bedeutung. An diesem Tag fanden 1990 nach der friedlichen Revolution die ersten und einzigen freien Wahlen zur DDR-Volkskammer statt. Seit 2000 erinnert am Brandenburger Tor in Berlin ein „Platz des 18. März“ an die historischen Ereignisse dieses Datums. Westlich des Brandenburger Tores soll damit sowohl an die erste freie Volkskammerwahl als auch an die Ereignisse vom 18. März 1848 erinnert werden, die so genannte Märzrevolution.

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