Kahlschlag auf der Kanzlerautobahn

BUND-Geschäftsführerin Corinna Cwielagzvs
1 von 2
BUND-Geschäftsführerin Corinna Cwielagzvs

von
02. November 2012, 09:38 Uhr

Schwerin | Naturschutzverbände kritsieren sie als eine der größten Umweltsünden im Norden: MV opfert für den Bau der umstrittenen Südverlängerung der Autobahn 14 nach Magdeburg eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete in Westmecklenburg. Allein für den gestern begonnenen ersten, 16,2 Kilometer langen Abschnitt vom Autobahndreieck Schwerin an der A 24 bis zur Bundesstraße 5 nahe Grabow werden 147 Hektar Wald vernichtet - ein vielfaches mehr als für die Osteeautobahn 20, so das Landwirtschaftsministerium. Der größte Teil der Waldfläche ist in den vergangenen Wochen bereits abgeholzt worden - breite, kahle Schneisen, statt Waldidyll. Der Kahlschlag entlang der Autobahntrasse habe ein Ausmaß erreicht, das Auswirkungen auf das Klima und die Luft im Umfeld haben werde, kritisiert Corinna Cwielag, Landesgeschäftsführerin des Bundes für Umwelt und Natur (BUND) in Schwerin. "Das wird in den angrenzenden Orten und in Ludwigslust zu spüren sein."

Das ist erst der Anfang: Für 80 Prozent des insgesamt 22 Kilometer langen A-14-Abschnitts in Mecklenburg-Vorpommern werde Wald geopfert, kritisierte Cwielag. Zudem würden zwei Trinkwassereinzugsgebiete von der Autobahn beeinträchtigt, Vogelschutzgebiet tangiert, das Elde- und Mayenbachtal auf einer Länge von 4600 Metern zerschnitten und zwei Kiestagebaue angelegt. "Wenn das Wort Flächenfraß eine Berechtigung hat, dann für diese Eingriffe, nicht für die vorgeschriebenen Naturschutzmaßnahmen, die in aller Regel die Verluste gar nicht ausgleichen können", meinte die BUND-Chefin.

Es wird noch mehr: Insgesamt drohen 19 FFH-Gebiete, drei EU-Vogelschutz- und drei so genannte International Bird Areas beeinträchtigt zu werden. Durch die in der Regel knapp 30 Meter breite Autobahnpiste werden nach BUND-Angaben je Kilometer etwa 2,5 Hektar Land unter Beton begraben - Boden, Biotope, Wald, Niedermoore für immer weg. Für das Baufeld, Böschung, Rampen sowie Auf- und Abfahrten würden noch erheblich mehr Flächen benötigt. "Im Betrieb belastet die Autobahn die umgebenden Landschafts- und Lebensräume - auch von menschlichen Siedlungen - mit Lärm und Schadstoffen in einer Größenordnung von 50 bis 80 Metern nach beiden Seiten", erklärte Cwielag - insgesamt 20 Hektar je Kilometer Autobahn. Für Mecklenburg-Vorpommern bedeute das, dass alleine für die A14 rund 500 Hektar Fläche abgewertet werden.

Ohnehin scheint der Schutz der Umwelt und Natur den Trassenbauern ein Dorn im Auge. "In Mecklenburg-Vorpommern werde mit Billigstandards geplant und am Naturschutz gespart", sagte Cwielag. Die Elde werde beispielsweise mit einer Brücke ohne einen sonst üblicherweiser eingebauten Lichtspalt überquert - die einzige derartige Brückenversion entlang der 155 Kilometer langen A-14-Trasse. Dadurch komme es in dem Talabschnitt der Elde zur Verschattung, so dass sich die Vegetation nicht mehr ausreichend entwickeln kann. Zudem sei im zweiten Autobahn-Abschnitt rund um Grabow bis zur Landesgrenze nach Brandenburg eine Wildbrücke geplant, die nicht den Anforderungen entspreche. Üblicherweise müssten die Überführungen etwa 50 Meter lang sein, damit sie auch vom Wild angenommen werden, sagte Cwielag. Die Billigvariante messe gerade 35 Meter.

Das hätte nicht sein müssen: Für die so genannte Kanzlerautobahn, die von Alt-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) durchgedrückt worden war, gebe es keine ausreichende Begründung, erklären Naturschützer und Verkehrsplaner. Derzeit fahren auf der B 5 nahe Grabow etwa 8000 Fahrzeuge am Tag. Verkehrsplaner gehen davon aus, dass künftig 19 000 Fahrzeuge die neue Autobahn nutzen werden - eine Prognose, die die Bevölkerungsentwicklung nicht berücksichtige, so Cwielag. Andere Analysen gingen nur noch von 15 000 Fahrzeugen aus. Unterm Strich rechtfertige das Verkehrsaufkommen keine Autobahn, die nach geltendem Regelwerk und gängiger Expertenmeinung erst ab 25 000 Fahrzeugen täglich gebaut werden dürfte. Cwielag: Das erwartete Verkehrsaufkommen könnte eine "zweistreifige Bundesstraße locker bewältigen". Die Alternative des BUND: Ein dreistreifiger Ausbau der B 189 Richtung Magdeburg samt Ortsumgehungen - mindestens 400 Millionen Euro billiger.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen