Jobbörse wird zur Datenbörse

Jürgen Goecke
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Jürgen Goecke

Deutschlands größtes Stellenportal im Internet, die Jobbörse der Bundesagentur für Arbeit, lädt nach Ansicht von Datenschutzbeauftragten zum Missbrauch geradezu ein. Mecklenburg-Vorpommerns oberster Datenschützer, Karsten Neumann, fordert Konsequenzen. Der Chef der Arbeitsagentur Nord, Jürgen Goecke, wehrt sich.

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30. Oktober 2009, 11:34 Uhr

Schwerin/Nürnberg | Die Bundesagentur ist für Karsten Neumann schon ein langjähriges Sorgenkind, das immer wieder Datenschutzprobleme habe. Die Agentur stehe in einem Zielkonflikt zwischen schneller Vermittlung von Arbeitslosen und dem Schutz der Daten vor Missbrauch, so Neumann: "Ich bin überzeugt, es gibt weitere Lücken."

Der jüngste Fall: Der Bundesbeauftragte für Datenschutz, Peter Schaar, hält die Kontrollmechanismen der Internet-Jobbörse der BA für ungenügend. Ein Arbeitgeber müsse für die Jobbörse lediglich seinen Firmennamen, die Branche sowie Anschrift und Ansprechpartner angeben. Seine Identität prüfe die Bundesagentur jedoch nicht. Nach der Anmeldung bekomme der Arbeitgeber eine persönliche Identifikationsnummer zugeschickt, mit der er bereits Bewerberdaten in nicht anonymisierter Form einsehen und ein Stellenangebot aufgeben könne. Auf diese Weise könne sich jeder per E-Mail oder per Post Bewerbungsunterlagen zuschicken lassen, mit Adresse, Telefonnummer, Geburtsdaten, Zeugnissen und Lebenslauf - egal, ob er einen Job zu vergeben hat oder nicht.

Datenschützer Neumann in Schwerin fordert jetzt Konsequenzen bei der Bundesagentur. "Ich könnte mir eine Zertifizierung der Unternehmen vorstellen. Nur mit einem Datenschutzzertifikat sollte man Zugang zu Bewerberunterlagen erhalten." Im Klartext: Bewerbungsunterlagen dürfen nur abgerufen werden, wenn das Unternehmen der Agentur nachgewiesen hat, dass es ein berechtigtes Interesse hat und auch einen rechtssicheren Umgang mit persönlichen Daten gewährleistet. Die Jobbörse dürfe auf keinen Fall zum Eingangstor für Versicherungsmakler oder Anwälte mit anderen wirtschaftlichen Interessen werden. Neumann: "Für den Arbeitnehmer ist es nicht möglich selbst festzustellen, ob der Arbeitgeber se riös ist oder nicht. Dafür trägt die Arbeitsagentur Verantwortung."

Jürgen Goecke, Leiter der Regionaldirektion Nord der Bundesarbeitsagentur, verweist hingegen darauf, dass die Arbeitnehmer selbst entscheiden, ob sie anonym oder mit Namen und Adresse in der Internet-Jobbörse erscheinen. "Wir haben 145 000 Bewerber in der Jobbörse registriert. Davon haben sich 132 000 für die anonymisierte Form entschieden. Da könne das Unternehmen lediglich die Eckdaten der Bewerbung ohne Namen, aber mit den Kontaktdaten zum Arbeitsvermittler einsehen. Arbeitgeber können die Bewerbungsunterlagen nur über das Arbeitsamt anfordern. Zudem müssen Unternehmen, um der Jobbörse beizutreten, eine ausführliche Datenschutz erklärung abgeben. Der Zugang sei mit Pin-Nummer geschützt. Und: Eine Arbeitsgruppe der Agentur überprüfe regelmäßig die Arbeitgeber. Aber Goecke räumt auch ein, dass das Problem aller Jobbörsen sei, dass eine 100-prozentige Sicherheit nicht erreicht werden könne.

In MV gab es zur Jobbörse laut Neumann noch keine Beschwerden, wohl aber zu anderen Problemen. Eine Arbeitnehmerin rief z. B. die Datenschützer zur Hilfe, weil sie auf ihre Bewerbung bei einem Arbeitgeber von einem ganz anderen Arbeitgeber eine Einladung zum Vorstellungsgespräch bekam. Der Datenschutzbeauftragte: "In Hinsicht auf eine unbürokratische Jobvermittlung mag das gut sein, aber in Hinsicht des Umgangs mit persönlichen Daten mag man sich die möglichen Auswirkungen gar nicht vorstellen."

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