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Jeder Serienbrandstifter handelt aus individuellen Gründen

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erstellt am 01.Mär.2012 | 10:00 Uhr

Schwerin | Sucht man nach Motiven, die Brandstifter zu ihren Taten bewegen, bekommt man je nach Fall eine Vielzahl von Antworten.

Die einen wollen ihren Frust loswerden, die anderen wollen sich in den Mittelpunkt drängen. Psychologe Winfried Barnett sagte kürzlich in einem Interview, meist gehe es um Versicherungsbetrug oder schlichtweg um Rache.

Deutlich schwieriger sei hingegen der Umgang mit krankhaften Brandstiftern, erklärte Barnett, der als Dozent an der Universität Heidelberg arbeitet. Am Telefon sagte er gestern gegenüber unserer Zeitung, man müsse für eine Motivsuche im Fall der Plauer Täter "die Zusammenhänge erst genau kennen, bevor man über die Ursachen reden könnte". Die Gründe sind je nach Täter individuell gelagert, so Wilfried Barnett.

Etwas konkreter wird der Mannheimer Brandsachverständige Frank Dieter Stolt, der sich speziell mit der Thematik Brandstiftung durch Feuerwehrleute auseinander setzte. In seinem jüngst erschienenen Buch "Brandstiftung durch Feuerwehrangehörige" entwirft Stolt ein exaktes Profil des typischen Brandstifters in der Feuerwehr: Zwischen 18 und 30 Jahre alt, eher unterdurchschnittlich intelligent, sozial eher ungefestigte Lebenssituation und überdurchschnittlich motiviert bei der Arbeit in der Feuerwehr.

Ähnlich sieht auch Barnett die typischen Eigenschaften eines Serientäters. "Er ist männlich, unter 30 Jahren, häufig ohne Schulabschluss oder Ausbildung, arbeitslos und bei der Tat alkoholisiert."

Stolts Thesen über die zündelnden Feuerwehrleute teilt auch Barnett. "Wer den Brand löscht, erntet Anerkennung, wer immer nur Öl von der Straße wegputzt oder Keller auspumpt, fühlt sich weniger bedeutend", so der forensische Gutachter.

Unterschiedlicher sehen die Experten die Motive der Brandstifter. Dr. Volker Faust, der sich in verschiedenen Publikationen mit der Pyromanie, also dem krankhaften Feuerlegen, auseinander gesetzt hat, verweist auf ein zwanghaftes Handeln. "Das Krankheitsbild ist charakterisiert durch eine ausgeprägte Faszination von allem, was mit Feuer und Brand in Zusammenhang steht, einschließlich den Löschmöglichkeiten".

Hinzu kommt die Brandstiftung "als Racheakt, also aus Haß, Wut, Eifersucht, Trotz, aufgrund von Kränkungen oder Demütigungen," erklärt Faust weiter.

"Häufig sind es einfach "Menschen, die nach sozialer Anerkennung hungern", so der Sachverständige für Brand- und Explosionsursachenermittlung Stolt.

Dabei handelt der Brandstifter das erste Mal meist eher zufällig, erläutert Barnett den Beginn einer Serie. "Er hätte auch aus Wut eine Scheibe einschlagen können, danach schleift sich die Brandstiftung als Frustabbau-Strategie ein." Allerdings kann "Brandstiftung auch eine einmalige Handlung aus einer inneren Not heraus sein", so der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

Dennoch sind alle Erkenntnisse und Mutmaßungen mit Vorsicht zu betrachten, so Volker Faust. "Trotz moderner Ermittlungsmöglichkeiten bleibt der Großteil unaufgeklärt, nämlich fast zwei Drittel aller Brandstiftungen. Rund ein Viertel entfallen auf strafunmündige Kinder, die also nicht vor Gericht kommen und deshalb auch nicht in die Statistik eingehen. Das Gleiche gilt für Täter mit entsprechenden Motiven wie Versicherungsbetrug, Verdecken von Spuren und anderen Straftaten, von politischer Motivation. Das besagt: Nur jede 10. Brandstiftung ergibt verwertbare Hinweise über Persönlichkeitsstruktur, Motivation usw."

Die Frage, ob ein krankhafter Hang zur Brandstiftung überhaupt heilbar sei, ist genauso unmöglich eindeutig zu beantworten, wie die Fragen nach den Gründen.

"Grundsätzlich ja. Doch selbst wenn der Täter das Brandstiften aufgibt, besteht die Gefahr, dass er ein anderes Ventil für seine Wut sucht", so Barnett.

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