Jean-Baptiste Oudry: Ein „Zauberer der Farben“

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10. April 2008, 06:25 Uhr

Das musst du gesehen haben! So mag man sich auf Europas Jahrmärkten zum Besuch der wundersamen Nashorndame Clara ermuntert haben. Das musst du gesehen haben, mögen die Pariser Maler geraunt haben, wenn ihr großer Kollege Jean-Baptiste Oudry wieder eines seiner monumentalen, farbenprächtigen Jagd- und Tierbilder im Salon ausstellte. Und so kann auch unsere Empfehlung, angesichts der grandiosen Schweriner Ausstellung „Oudrys gemalte Menagerie“ nur lauten: Das muss man gesehen haben!

Clara wartet schon. Im Saal. Unübersehbar. Größer, als man sie sich vorgestellt hat. Mit ihrem wachen Auge, das aus dem mächtigen Kopf hervorblitzt, scheint sie jeden Besucher sofort begutachten zu wollen. Kein Zweifel: Die Dame ist nicht nur ein prächtiges Tier, sondern auch sehr neugierig.
Vor diesem ersten Rendezvous dürften Besucher Clara schon mehrfach begegnet sein, wenn auch in kleinerer Ausführung im ersten Teil der Ausstellung: als fein ziselierter Stich auf jahrhundertealten Werbeplakaten, als Plastik aus Meißner Porzellan oder im original erhaltenen Skizzenbuch ihres Schöpfers Jean-Baptiste Oudry.

Wie ein ornithologisches Superstar-Wettbalzen
Natürlich ist Clara die Königin dieser exotischen Menagerie, die der Hof- und Jagdmaler Oudry in der Mitte des 18. Jahrhunderts am Versailler Hof Ludwig XV. „nach dem Leben“ malte. „Jungfer Clara“ war ja schon zu Lebzeiten ein Star. Doch zu verstecken brauchen sich die anderen Tiere dieser weltweit einmaligen Sammlung durchaus nicht.

Auch über sie können abenteuerliche Geschichten erzählt werden. Wenn sie nicht von sich aus sprechen. Nehmen wir den stolzen Kasuar, eine Art Emu, der einem Kapitän auf der Überfahrt nach Europa mit seinen mächtigen Klauen in die ewigen Jagdgründe beförderte. Oder der Leopard und die Leopardin, denen der Meister furchterregende Männlichkeit und weibliche Sanftmut mitgegeben hat. Weise und nahezu majestätisch die Antilope. Eitel und wie kostümiert Pfefferfresser, Jungfernkranich und Haubenkranich – nebeneinander aufgereiht wie in einem ornithologischen Superstar-Wettbalzen. Hässlich und bemitleidenswert zugleich die Hyäne im Kampf mit den beiden Hunden. Das Aufeinandertreffen der Trappe mit dem Perlhuhn denken wir uns als eine allzumenschliche Begegnung der zickigen Art und blicken uns vorsichtig im Museum um.

Diese menschliche Dimension der Ourdy-Tiere ist kaum zu übersehen, auch wenn der Schweriner Zoodirektor Michael Schneider dem Maler zoologische Detailgenauigkeit bescheinigt.
Die Schweriner Kunstwissenschaftlerin Claudia Schönfeld, die gerade ihre Doktorarbeit über Oudry beendet, sieht seine seelenvollen, nuancenreichen und intelligenten Tierporträts als typisch für die Zeit des französischen Rokoko. Nicht im Sinne einer Disneyschen Vermenschlichung oder Verniedlichung von Tieren. In jener Zeit, so Schönfeld, begann eine neue Art des Mitfühlens auch mit der Kreatur. Eine Entwicklung, die letzten Endes in der Französischen Revolution gipfelte.

Vor allem aber ist die Kunstwissenschaftlerin von dem brillanten Maler Oudry fasziniert, von seinem virtuosen Spiel mit Farben und Licht. Nicht umsonst wurde Ourdy von seinen Zeitgenossen als „Zauberer der Farben“ gepriesen.

Auch wenn die herausragende Stellung Jean-Baptiste Oudrys in der Kunstgeschichte noch immer umstritten ist, weist Schönfeld auf die große Wirkung Oudrys auf seine Zeitgenossen hin und sieht ihn in seinem subtilen, meisterhaften Farbenspiel gar einen frühen Vorgänger der französischen Impressionisten.
Davon kann sich nun jeder überzeugen und sollte, nach dem ersten Staunen, den riesigen Tieren ganz dicht auf den virtuos gemalten Leib rücken.

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