Hintergrund : Japan war nicht nur Opfer

 

 

Manche der Überlebenden des Atombombenabwurfs fürchten wieder Krieg und kritisieren die japanische Regierung

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05. August 2015, 19:00 Uhr

Shozo Muneto lauscht vom Fenster seines Elternhauses dem Dröhnen des B29-Bombers am strahlend blauen Himmel. Doch plötzlich blitzt es vor den Augen des 18-Jährigen ungeheuerlich auf. Im nächsten Moment reißt die Wucht einer gewaltigen Explosion das Elternhaus des jungen Japaners nieder und begräbt ihn unter den Trümmerbergen.

Es ist der 6. August 1945, 8.15 Uhr. Nur 1300 Meter entfernt wirft der US-Bomber „Enola Gay“ die Atombombe „Little Boy“ über Hiroshima ab. „Als ich erwachte, blickte ich fassungslos auf schwarze Atomwolken“, erinnert sich der heute 88-Jährige. Durch die Trümmer irren Überlebende wie Gespenster mit herabhängenden Hautfetzen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges studierte Muneto Theologie und wurde Pastor. Seither wird er nicht müde, den nachfolgenden Generationen über das Grauen von damals zu berichten, damit es nie wieder zum Krieg kommen möge.

Doch zum ersten Mal in all den vergangenen Jahrzehnten beschleicht ihn wie auch andere Überlebende der Atombombenabwürfe angesichts der Politik des rechtskonservativen Ministerpräsidenten Shinzo Abe die Furcht, dass es genau dazu eines Tages wieder kommen könnte. „Es ist wie vor dem Krieg“, beschreibt Muneto die politische Atmosphäre seit Abes Amtsantritt Ende 2012. Nur wenige Wochen vor dem 70. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima stimmte das Unterhaus für eine Sicherheitsreform. Erstmals seit Ende des Zweiten Weltkriegs will Japan wieder Soldaten ins Ausland schicken.

Einerseits sei er als Überlebender der Atombombe ein Opfer, sagt Muneto. „Aber der Hintergrund, was dazu geführt hat, dass auf Japan Atombomben abgeworfen wurden, war Japans Militarismus und Kolonialherrschaft.“ 20 Millionen Menschen habe Japan in Asien getötet. „Wir sind nicht nur Opfer, sondern auch Täter.“ Doch Abe gebe nicht zu, dass Japan einen Invasionskrieg geführt habe, sagt Hirotami Yamada. Der Japaner überlebte die zweite Atombombe. Auch er, Leiter des Verbandes der Atombombenopfer in Nagasaki, sehe mit Sorge, wie Abe dabei sei, die pazifistische Nachkriegsverfassung so umzuinterpretieren, dass sein Land an der Seite des heutigen Verbündeten USA wieder Krieg führen könne.

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