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Ist Wulff nur noch Präsident von Merkels Gnaden?

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erstellt am 03.Jan.2012 | 07:55 Uhr

Wie geht es weiter in der Wulff-Affäre? Andreas Herholz sprach mit Professor Gerd Langguth, Politikwissenschaftler an der Universität Bonn.

Immer neue Vorwürfe gegen den Bundespräsidenten. Ist Wulff noch der Richtige im höchsten Staatsamt?

Gerd Langguth: Christian Wulff hat Fehler gemacht. Er stand unter enormem psychischen und nervlichen Druck. Da wundert es eigentlich nicht, dass er beim „Bild“-Chefredakteur und den Verlegern interveniert hat. Die „Bild“-Zeitung hat die Berichte über seine Kreditaffäre ausgerechnet zu einem Zeitpunkt veröffentlicht, als er im Ausland war. Seine Anrufe waren sicher ein Fehler. Das war töricht, aber vielleicht menschlich verständlich. Darin einen Angriff auf die Pressefreiheit zu sehen, geht aber zu weit.

Die Drohungen waren offenbar kein Einzelfall.

Was unter vier Augen besprochen wird, wissen nur die Teilnehmer genau. Ein Bundespräsident sollte sich aber generell davor hüten, mit Sanktionen zu drohen.

Wie groß ist der Schaden für das Amt des Bundespräsidenten?


Es gab auch früher schon Bundespräsidenten, die mit Vorwürfen zu kämpfen hatten. Johannes Rau wurde von einer Flugaffäre aus seiner Zeit als Ministerpräsident eingeholt, musste nicht zurücktreten und wurde dennoch am Ende ein hoch angesehener Präsident. Wenn man Herrn Wulff die Chance gibt
und nicht noch schwerwiegendere Vorwürfe auftauchen, kann ihm dies auch noch gelingen. Im Moment scheinen er und das Amt allerdings beschädigt zu sein, weil er nur noch mit seiner Selbstverteidigung beschäftigt ist.

Rücktrittsforderungen sind demnach unberechtigt?

Natürlich gibt es eine Reihe von Vorwürfen gegen ihn. Aber die einzelnen Punkte sind nicht schwerwiegend genug, als dass sich daraus die Notwendigkeit eines Rücktritts ergeben würde. Er ist schon in einer schwierigen Situation. Hätte er alle Vorgänge um seinen Kredit rechtzeitig und vollständig offengelegt, wäre daraus kein Skandal geworden. Es war ein Fehler, immer nur scheibchenweise zu informieren. Immerhin hat er sich vor Weihnachten entschuldigt.

Die Bundeskanzlerin schweigt. Rückt Angela Merkel vom Staatsoberhaupt ab?

Angela Merkel hat sich bereits dreimal hinter Christian Wulff gestellt und ihm ihr Vertrauen ausgesprochen. Immer neue Treueschwüre wirken inflationär. Man sollte in ihr jetziges Schweigen nicht allzu viel hineingeheimnissen.

Ist Wulff jetzt nur noch Präsident von Merkels Gnaden?


Wenn Christian Wulff Bundespräsident bleibt, dann bleibt er es vor allem, weil Angela Merkel es so will. Möglich wäre auch, dass er so genervt ist, dass er alles hinschmeißt. Das kann nicht im Interesse der Bundeskanzlerin sein. Schließlich wäre es in kurzer Zeit der zweite von ihr auserwählte Präsident, der zurücktreten würde.

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