Interview mit Züli Aladag, Regisseur des zweiten Teils der ARD-Trilogie zur NSU: Die Opfer - Vergesst mich nicht!

svz.de von
30. März 2016, 08:57 Uhr

Regisseur Züli Aladag hat den zweiten Teil der ARD-Trilogie zur NSU gedreht. Anlässlich des Pressevorführung von „Die Opfer – Vergesst mich nicht!“ in Berlin  traf sich  SVZ-Mitarbeiterin  Katja Frick zum Gespräch mit ihm.

Herr Aladag, sie haben kurdische Wuzeln. Hätten Sie auch bei einem der anderen Filme der ARD-Trilogie zur NSU Regie geführt?

Ja, hätte ich. Aber ich bin froh, gerade diesen Film gemacht zu haben. Obwohl ich nicht hauptberuflich Migrant bin (lacht).

Der Stoff hat mich seit der Aufdeckung des rechtsradikalen Hintergrunds 2011 beschäftigt, nicht nur die Opferperspektive, besonders die Anfänge. Ich finde, dass die Opfer eine Plattform bekommen sollen. Jenseits der Informationen ist manchmal kein Platz dafür.

Ich wollte der Mehrheitsgesellschaft die Möglichkeit geben, sich in die Perspektive der Opfer hinein zu versetzen. Egal wie wohlwollend man ist, es ist nicht einfach, einen Perspektivwechsel vorzunehmen.

Ich glaube jedenfalls nicht, dass ich nur gefragt wurde, weil ich kurdisch-türkische Wurzeln habe.

Wie ist es zu der Zusammenarbeit mit Produzentin Gabriela Sperl gekommen?

Ich habe Gabriela 2012 kennen gelernt. Da haben wir die Komödie „300 Worte Deutsch“ zusammen gemacht. Dabei haben wir auch viel über das Thema NSU und die Mordserie geredet. Ich war von Beginn an mit Gabriela in Diskussionen dazu involviert, der sehr viel an einer filmischen Umsetzung des NSU-Skandals lag.

Irgendwann rief sie mich an und erzählte mir von ihrer Idee, das Thema mit drei Perspektiven anzugehen, das hat mich sofort überzeugt.

Es war für mich selbstverständlich, den Film aus der Opferperspektive zu übernehmen. Ich hab’ dabei von meinen eigenen autobiografischen Erlebnissen profitiert. Ich bin schon jemand, der da empfindlich ist und wurde  in erster Linie als Regisseur gefragt.

Bei der Pressekonferenz wurde erwähnt, dass die Regisseure der drei Filme – außer Ihnen sind das Christian Schwochow („Die Täter – Heute ist nicht alle Tage“) und Florian Cossen („Die Ermittler – Nur für den Dienstgebrauch“) oft miteinander telefoniert haben. Was wurde da beispielsweise diskutiert?

Die Telefonate und Gespräche mit den anderen beiden Regisseuren gab es auch schon, bevor  die Drehbuchautoren feststanden. Da haben wir zum Beispiel die Perspektiven und möglichen Überschneidungen besprochen. Bei meinem Film war uns wichtig, dass es trotz des dritten Filmes nicht ohne die Ermittler geht, die Situation der Familie aufzuklären.

Mir waren zwei Aspekte wichtig: Dass wir Enver nach seiner Ermordung nicht abhaken, sondern dass sein Geist die ganze Zeit im Film spürbar ist.

Sehr wichtig war mir auch, dass wir die anderen Morde thematisieren. Da wollte ich eine Balance finden, die Geschichte der Simseks in den Kontext der anderen Morde und Familien stellen.

Warum haben Sie Laila Stieler als Drehbuchautorin gewählt?

Dieser Film war die erste Zusammenarbeit mit ihr. Ich hatte vor etlichen Jahren ihren Film „Die Polizistin“ gesehen und sie seitdem als außergewöhnliche Autorin abgespeichert. Als der Vorschlag von Gabriela Sperl kam, Laila als Drehbuchautorin zu holen, war ich total begeistert.

Welchen Einfluss haben Sie auf das Drehbuch genommen?

Nach den Runden mit den Regisseuren gab es dann die Runden mit den Autoren, Produzenten und Redakteuren. Da haben wir uns der Recherche der Fakten gewidmet. Das war eine umfangreiche und sehr vorbildliche Vorbereitung.

Die Autoren sind tief in die Recherche eingestiegen. Aus ihrem Material entwickelten sich viele Aspekte für den Film, die in den großen Runden untereinander besprochen wurden, damit es keine Dopplungen gibt. Das war eine äußerst konstruktive und fruchtbare  Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten

Dann hat Laila eine Treatmentfassung geschrieben. Wir waren von Anfang an im Gespräch darüber. Nach dem Treatment hat sie weiter recherchiert und sich in die Drehbucharbeit vertieft eine wie ich finde großartige Drehbuchfassung geschrieben. Bis zum Drehbeginn mit der kurbelfertigen Fassung haben wir gemeinsam an dem Drehbuch gearbeitet.

Wie haben Sie sich ihrem Stoff genähert?

Bei uns gab es viele Gespräche mit den Schauspielern. Es gab Begegnungen zwischen den Schauspielern und den echten Menschen, die sie darstellen sollten. Wir haben eine Annäherung an die Charaktere versucht, wir wollten sie nicht kopieren. Dann gab es die klassische Rollenarbeit.

Unser Vorteil war, dass wir lebende Protagonisten hatten, die wir kennen lernen konnten. Wir haben ja teilweise in der Türkei, im Heimatort der Familie gedreht.

Spielt bei Ihnen der Gedanke eine Rolle, dass Sie nach der Ausstrahlung des Films in den Fokus der rechten Szene geraten könnten?

Ich habe schon viel Zeit mit Neonazis verbracht, durch voran gegangene Filmprojekte. Dieser Gedanke hätte mich nicht davon abgehalten, den Film zu machen.

Der Film erzählt ja einen realen Fall, auch wenn er nicht alle Details weiß.

Die Täter haben die Morde offenbar  aus voller Überzeugung begangen. Solchen Leuten muss man Einhalt gebieten                

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