Interview mit Drehbuchautorin Laila Stieler und Semiya Simsek, Tochter des ersten Opfers der NSU-Mordserie

<p>Semiya Simsek (l.) und Laila Stieler </p>

Semiya Simsek (l.) und Laila Stieler

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30. März 2016, 08:57 Uhr

Laila Stieler hat das Drehbuch zum zweiten Teil der ARD-Trilogie zur NSU geschrieben. „Die Opfer – Vergesst mich nicht“,  wird am 4. April um 20.15 Uhr ausgestrahlt. Grundlage für das Drehbuch war das autobiographische Buch „Schmerzliche Heimat“ von Semiya Simsek, der Tochter des ersten Opfers der NSU-Mordserie, Enver Simsek. SVZ-Mitarbeiterin Katja Frick traf sich mit den beiden Frauen  zum Gespräch.

Wie war eure erste Begegnung?

Laila Stieler: In München im Büro der Produktionsfirma Wiedemann & Berg, zusammen mit Semiyas Anwalt, Regisseur Züli Aladag und der ausführenden Produzentin Gabriela Sperl.

Semiya Simsek: Aber das war noch nicht einmal ein Kennenlernen.

Laila Stieler: Anfangs war ich aufgeregt, aber dann hab’ schnell gedacht: ‚Das wird toll!’ Wir sprachen gleich sehr offen über den Mord an ihrem Vater Enver und die schreckliche Zeit danach, und ich sagte zu Semiya: ‚Da war ja Ihre ganze schöne Jugend so plötzlich vorbei!’ Und  sie darauf: ‚Ich hatte doch eine schöne Jugend. Immerhin hatte ich 14 gemeinsame Jahre mit meinem Vater.’

Wie haben Sie sich dem Stoff für ihr Drehbuch genähert, Frau Stieler?

Laila Stieler: Im Februar 2014 bin ich für vier Tage zu Semiya in die Türkei gefahren.

Semiya Simsek: Sie hat mich vorher gewarnt, dass sie kommt. Dann haben wir einfach Zeit miteinander verbracht und es uns gut gehen lassen. Waren zusammen auf dem Markt, haben bei den Schafen in den Bergen Picknick gemacht. Und dabei haben wir immer erzählt.

Laila Stieler: Ich brauchte das Wissen über den familiären Zusammenhang bei dieser Geschichte. Weil die Familie für das Überstehen dieser schrecklichen Zeit nach dem Mord so wichtig für Semiya, ihren Bruder und die Mutter war. Ich wollte Semiya und ihre Familie einfach kennen lernen.

Semiya Simsek: Wir haben über den ganzen Zeitraum von 2000 – als mein Vater ermordet wurde – bis 2013 geredet. Über meine ganze Schul- und Ausbildungszeit. Ich hätte mich bei Laila bewerben können.

Laila Stieler: Ich kenne das durch den orientalischen Teil meiner Familie – mein leiblicher Vater ist Libanese – du wirst dort sofort an den Tisch gebeten, kriegst das Kind auf den Schoß, als wärst du Teil der Familie. Aus ihrer großartigen Unverstelltheit speist sich auch ihre Kraft.

Semiya Simsek: Der Vorteil ist, dass wir eine Großfamilie sind, die zusammenhält.

Wie finden sie das Ergebnis, Drehbuch und Film, Frau Simsek?

Semiya Simsek: Ich bin sehr zufrieden. Wir haben in der Zeit, als Laila am Drehbuch geschrieben hat, viel miteinander telefoniert.

Laila Stieler: Ich hab sie zum Beispiel angerufen, weil ich wissen wollte, welche Musik ihr Vater gehört hat. An der ersten Drehbuchfassung habe ich ca. ein Jahr gearbeitet.

Semiya Simsek: Als ich das Drehbuch gelesen habe, dachte ich: ‚Wow. Laila hat unsere Familie verstanden.’ Es gab aber auch Momente, wo ich das Drehbuch weggelegt habe, wegen der Erinnerungen. Aber wir hatten und haben eine freundschaftliche Basis, dadurch war es einfacher.

Frau Simsek, Sie hatten in der Vergangenheit viele schlechte Erlebnisse mit den Medien. Wie ist es heute für sie, mit Journalisten zu reden?

Semiya Simsek: Mein Mann ist Journalist, Lokaljournalist in der Türkei. Da bin ich hin- und her gerissen, was die Medien betrifft. Damals ist vieles schief gegangen. Aber ich mache dieselben Fehler nicht wieder. Jetzt richtet sich alle Aufmerksamkeit auf den Prozess gegen Beate Zschäpe, da bin ich Nebenklägerin. Da brauche ich die Journalisten ja auch. Ich habe aus den Fehlern von damals gelernt: Es darf kein Interview mit mir mehr veröffentlicht werden, ohne dass ich es autorisiert habe. Seit Prozessbeginn ist bei jedem Interview einer der beiden Anwälte dabei, die mich und meine Familie im Prozess vertreten: Stephan Luca und Jens Rabe.

Heute ist nicht klar, ob und wann der NSU-Prozess ein Ergebnis haben wird. Wie ist das für sie, Frau Simsek?

Semiya Simsek: 2011, als klar wurde, dass der Mord an meinem Vater zu einer Mordserie mit rechtsradikalem Hintergrund gehörte, war das ein Schock. Alles brach wieder auf, es war, als wenn der Mord erst gestern passiert wäre.

2012, auf der Gedenkveranstaltung für die Opfer, hat man uns so Vieles versprochen. Einerseits ist auch viel passiert: Der Prozess hat begonnen, viele Zeugen wurden vernommen. Aber habe ich inzwischen  noch die Hoffnung, Antworten auf alle meine Fragen zu finden? Nein.

Die Aussage von Beate Zschäpe  kürzlich, als sie sich zum ersten Mal geäußert hat, hätte sie sich sparen können. Natürlich glaube ich ihr nicht.

Aber der Prozess hat auch ergeben, dass alle Verdächtigungen gegen uns, gegen meinen Vater und meine Onkel, grundlos und falsch waren. Das war ein Ziel, das wir erreicht haben. Aber wir wollen endlich die Wahrheit hören. Aber die glaube ich, bekommen wir nicht mehr.

Welche Rolle hat der Prozess beim Schreiben des Drehbuchs gespielt, Frau Stieler?

Laila Stieler: Kaum eine. Ich wusste ja, dass es die beiden anderen Filme mit den anderen Perspektiven gibt – aus der Sicht der Täter und aus Ermittlersicht. Daher habe ich mich voll und ganz auf die Perspektive der Opfer konzentriert. Dass Beate Zschäpe und die Helfer des NSU überhaupt. vor Gericht stehen, ist für mich der eigentliche Erfolg.

Aber ob es für Semiya befriedigende Antworten geben wird? Zum Beispiel, nach welchen Kriterien gerade ihr Vater ausgesucht wurde? Wie lange er leiden musste? Als Tochter will man das wissen.

Frau Simsek, wie geht es ihnen und ihrer Familie heute?

Semiya Simsek: Ich lebe inzwischen wieder in meinem Heimatort in der Türkei, bei meiner Familie und meinem Mann. Meine Mutter pendelt zwischen dort und meinem Bruder in Deutschland. Mein Sohn ist jetzt zweieinhalb Jahre. Der wächst mit dem Prozess (lacht).

Ich bin total zufrieden mit der Entscheidung, wieder in der Türkei zu leben. Gerade auch, wenn ich von der Pegida höre.

Frau Stieler, haben sie Angst, nach der Ausstrahlung des Films von Rechten angefeindet zu werden?

Laila Stieler: Nein, erstmal nicht. Als Drehbuchautor arbeite ich ja sowieso im Verborgenen und werde wenig von der Öffentlichkeit wahrgenommen. Ich weiß nicht genau. Aber ich musste das ja machen. Das war wie ein innerer Auftrag.

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