Inferno am Himmel

Feuerball: Am 6. Mai 1937 wird das Luftschiff 'Hindenburg'  bei der Landung von einer Explosion erschüttert. Insgesamt 36 Passagiere und Besatzungsmitglieder kamen bei der Katastrophe ums Leben. Der 100 Tonnen schwere, zu seiner Zeit größte Zeppelin der Welt brannte völlig aus.
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Feuerball: Am 6. Mai 1937 wird das Luftschiff "Hindenburg" bei der Landung von einer Explosion erschüttert. Insgesamt 36 Passagiere und Besatzungsmitglieder kamen bei der Katastrophe ums Leben. Der 100 Tonnen schwere, zu seiner Zeit größte Zeppelin der Welt brannte völlig aus.

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04. Mai 2012, 07:08 Uhr

CALGARY | Es ist kurz vor dem Start der "Hindenburg" auf dem Luftschiffhafen in Frankfurt am Main. Werner Doehner ist langweilig. Vor dem Jungen liegt eine lange Reise nach New York und er vertreibt sich die Zeit an Bord mit einem kleinen Spielzeug-Panzer. Als er das Metallgefährt aufzieht, sprüht es ein paar Funken. "Der Chefsteward kam und hat das Spielzeug beschlagnahmt", erinnert sich Werner Doehner. Sicher ist sicher. Schließlich ist das Luftschiff mit beinahe 200 000 Kubikmetern hoch entzündlichem Wasserstoff gefüllt.

Drei Tage später fängt die "Hindenburg" Feuer. Es ist Donnerstag, der 6. Mai 1937, kurz vor halb sieben Uhr abends auf dem Flugplatz in Lakehurst bei New York. Ein Gewitter hängt über dem Himmel und das Luftschiff will gerade landen. Auf einmal schießen Flammen aus dem Heck. Eine halbe Minute später liegt die "Hindenburg" verkohlt am Boden. 35 der 97 Menschen an Bord sterben. Dazu ein Arbeiter der Landecrew. Das Unglück ist eines der bis dahin schwersten der zivilen Luftfahrt und steht für das Ende einer ganzen Ära.

Denn die "Hindenburg" ist mehr als nur der Zeppelin mit der Seriennummer LZ 129. Sie ist Mythos, Gigant der Lüfte, Sinnbild für die Unbezwingbarkeit der Technik, Stolz einer ganzen Nation. Mit 245 Metern Länge und 41 Metern Durchmesser ist sie nicht nur das größte und luxuriöseste Luftschiff ihrer Zeit. Für die damals regierenden Nazionalsozialisten ist sie auch beliebtes Propagandamittel. An den Heckflossen prangen Hakenkreuze, ihren ersten großen Auftritt hat sie 1936 im Wahlkampf Adolf Hitlers zum Reichstag.

Werner Doehner, der Junge mit dem Spielzeug-Panzer, ist der letzte überlebende Passagier der Katastrophe. Er ist heute 83 Jahre alt und lebt in Colorado in den USA. Sein Gesicht ist noch immer gezeichnet von den Flammen. Nur selten äußert er sich zum Geschehenen. Doch er erinnert sich an jedes Detail. "Wir mussten vor der Abfahrt nicht nur den Spielzeug-Panzer, sondern auch die Fotoapparate und Filmkameras abgeben", berichtet er. Die Zeichen stehen bereits auf Krieg und die Nazis wollen verhindern, dass Aufnahmen deutscher Militäranlagen oder Schiffs-Konvois über den Atlantik gelangen.

Am 3. Mai 1937 bricht die "Hindenburg" schließlich zu ihrer schicksalhaften Fahrt auf. Es ist viertel nach acht Uhr abends. An Bord sind 61 Bedienstete und 36 Fluggäste. Darunter auch Werner Doehner. Der Bub ist acht Jahre alt und will mit seinen Eltern und zwei Geschwistern über New York nach Mexiko. Dort leitet Werners Vater die Zweigstelle einer Pharmafirma. 1000 Reichsmark kostet die Überfahrt - pro Person.

Werner Doehner reist mit seinen Eltern in der Familienkabine auf dem B-Deck. Sie hat fließend warm Wasser und Aussichtsfenster im Boden. Abends stellen die Doehners ihre Schuhe vor das Zimmer, morgens bekommen sie sie poliert zurück. Das Essen im Speisesaal lässt keine Wünsche offen. Es gibt Champagner, Wein, eisgekühlte Drinks. Dazu erlesene Menüs auf vergoldetem Geschirr: Scampis, Kaviar, Spargel. Nach dem Essen ziehen sich die Doehners meist in die Bar, den Rauchersalon oder die Bibliothek zurück.

Über dem Meer bläst ein starker Wind. Die "Hindenburg" hat fast zehn Stunden Verspätung. Die Familie hat viel Zeit an den Fenstern. "Als wir in der Nähe von Neufundland über die großen Eisberge geflogen sind, haben wir die Kameras zurückbekommen", berichtet Werner Doehner. Am dritten Tag an Bord schwebt das Schiff endlich über Manhattan. Die Spitze des Empire-State-Buildings scheint zum Greifen nah.

Dann nähert sich die "Hindenburg" dem Landeplatz in Lakehurst - zum zweiten Mal an jenem Tag. Beim ersten Mal hatte das Schiff wegen des Gewitters noch umkehren müssen. Werner Doehner steht am Fenster an der Backbordseite und beobachtet die Crew am Boden. Das Luftschiff befindet sich noch etwa 100 Meter über dem Grund. Vater Doehner kehrt ins Innere zurück, um seine Kamera zu holen. Er will Fotos von der Landung machen.

Es ist das letzte Mal, dass Werner Doehner seinen Vater lebend sieht. Auf einmal zittert der Boden und der Zeppelin kippt nach hinten. Der Junge wird mit aller Wucht gegen die Rückwand des Speisesaals geschleudert. Hunderte Gläser, Teller und Teile des Mobilars zerbersten auf dem Boden. Einige Passagiere glauben, ein zischendes Geräusch zu hören. Dann steigt ein Feuerball aus dem Heck auf.

Werner Doehner kommt es vor, als stehe die ganze Luft in Flammen. Passagiere mit brennender Kleidung und brennenden Haaren versuchen verzweifelt, sich zu retten. Mutter Doehner gelingt es, eine Luke zu öffnen. Sie wirft erst ihre Söhne aus dem Schiff, dann springt sie selbst. Dabei bricht sie sich die Beckenknochen. Mutter und Söhne landen im Sand, stehen auf und rennen um ihr Leben. "Wie meine Mutter das Laufen mit einem doppelten Beckenbruch geschafft hat, ist den Ärzten ein Rätsel geblieben", meint Werner Doehner heute. Die drei Doehners haben schwere Verbrennungen und werden ins nahe Point-Pleasant-Krankenhaus gebracht. Werner Doehner ist stets bei vollem Bewusstsein: "Krankenschwestern haben uns Nadeln ausgehändigt, um die Blasen an unseren Händen aufzustechen." Die zwei Buben und ihre Mutter überleben. Sie bleiben drei Monate im Hospital. Werners Schwester wird noch von einem Steward aus dem am Boden liegenden Luftschiff geholt, stirbt aber in der ersten Nacht. Sein Vater verkohlt im Wrack.

Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen? Die Ursache des Unglücks ist bis heute nicht restlos geklärt. Von einem Blitzschlag ist manchmal die Rede, von falschem Material, von Sabotage gar. Am wahrscheinlichsten ist, dass bei der Landung elektrostatische Teilchen an der Außenhülle einen Funken auslösen und den Wasserstoff entzünden. So oder so: Nach der Katastrophe von Lakehurst sind die Könige der Lüfte am Ende. Acht Jahre später verliert Nazi-Deutschland den Krieg.

Werner Doehner verliert einen Teil seiner Familie. Ihm fällt es bis heute schwer, darüber zu sprechen. Doch er versucht, auch Positives zu finden. Durch seine Auseinandersetzung mit dem Erlebten sei er ein zielstrebiger Mensch geworden, glaubt er. Nach dem langen Krankenhausaufenthalt und zahlreichen Operationen holt er die Schule nach, studiert später Elektrotechnik und arbeitet bis zu seiner Pensionierung 1998 an vielen interessanten Projekten. "Ich war ein verwöhntes Kind. Das Unglück hat mir vielleicht eine ernstere Perspektive zum Leben und zur Arbeit gegeben."

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