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Gedenktag für Opfer von Flucht und Vertreibung : In der DDR hießen sie „Umsiedler“

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Seit 2015 gibt es in Deutschland einen offiziellen Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung

svz.de von
erstellt am 28.Dez.2015 | 19:49 Uhr

Auerbach Herbert Gall stammt aus dem wohlklingenden Ort Freiheit im Riesengebirge. Am 20. Juni 1945 ändert sich für ihn eine ganze Welt. Plötzlich stehen zwei bewaffnete Männer im Haus der Familie, wo die Mutter mit vier Knaben im Alter zwischen sechs Monaten und sieben Jahren wohnt. Herbert ist der Älteste. Ein tschechischer Partisan und ein russischer Soldat geben seiner Mutter eine Viertelstunde Zeit, um die Sachen zu packen. 20 Kilogramm Gepäck darf sie mitnehmen. Erna Gall gelingt es noch, das Baby einer Schwägerin zu überreichen. Es hat Durchfall und würde die Strapazen kaum überleben.

70 Jahre später sind manche Szenen der Vertreibung für Herbert Gall noch allgegenwärtig. Details hat er aus Überlieferungen seiner Mutter bewahrt. Wenn nun künftig  ein bundesweiter Gedenktag an die Opfer von Flucht und Vertreibung erinnert, wird auch Gall zurückblicken. Lange hat sich der Bund der Vertriebenen (BdV) für ein solches Gedenken eingesetzt. Bayern, Hessen und Sachsen waren mit eigenen Gedenktagen vorgeprescht. Der Bund entschied sich für den  20. Juni, es ist der Weltflüchtlingstag. Die aktuelle Entwicklung legt den Fokus auch auf Flucht und Vertreibung im Jahr 2015.

Erna Gall glaubt damals, nur für kurze Zeit in ein Lager zu kommen. So sagen es jedenfalls die Bewaffneten und führen Schutzgründe an. Mancherorts nimmt die tschechische Bevölkerungsminderheit Rache an den Sudetendeutschen, die seit Jahrhunderten hier siedeln. Für die Galls, deren Vater in sowjetischer Gefangenschaft ist, beginnt eine Odyssee. In Kohlewaggons geht es westwärts.

„Die Waggons wurden so gefüllt, dass keiner umfallen konnt“, erinnert sich Herbert Gall. Zwei Tage dauert die Fahrt bis nach Zittau. Nach einer weiteren Irrfahrt landen die Galls in Halle/Saale und finden Unterschlupf bei einer Familie, deren zwei Söhne kurz vor Ende des Krieges gefallen sind. Schon im September geht Herbert Gall wieder zur Schule – noch heute empfindet er das als Wunder. Wegen des Krieges verbrachte er im heimatlichen Freiheit nur drei Monate in der 1. Klasse.

Ein zweites Wunder betrifft die Familie. Über Suchanzeigen des Roten Kreuzes kommt das 1945 zurückgelassene Baby nach Halle. Außerdem erfahren die Galls vom Schicksal des Vaters, der 1950 aus sowjetischer Gefangenschaft heimkehrt. Die Familie ist wieder zusammen, die Erinnerung an Freiheit bleibt ein Leben lang.

Dabei ist die Vergangenheit für Vertriebene im Osten Deutschlands ein Tabu. „Wir waren Revanchisten, wenn wir darüber sprachen“, sagt Gall. Anfangs habe es im Zoo von Halle regelmäßige Treffen Betroffener gegeben: „Das waren keine Demonstrationen. Die Leute haben sich von früher erzählt, wollten Vertrautes wiederfinden.“ Dann griff die sowjetische Besatzungsmacht ein und verbot die Zusammenkünfte. Auch in der DDR mussten Vertriebene über ihre Geschichte schweigen. Deshalb wussten viele Menschen nicht voneinander, dass sie das gleiche Schicksal teilten. Sie wurden „Umsiedler“ genannt.

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