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22. November 2017 | 21:24 Uhr

Im japanischen Vorhof zur Hölle

vom

svz.de von
erstellt am 14.Mär.2011 | 08:29 Uhr

Tokio | Verzweifelte Überlebende, immer mehr Tote, Chaos - und über allem die große Angst vor dem Gau: Der Kampf der Japaner gegen die Katastrophenfolgen und um das Atomkraftwerk Fukushima hält die Welt in Atem. Auch gestern prasseln Hiobsbotschaften nahezu stündlich nieder. Jetzt droht in drei Reaktoren eine Kernschmelze, räumt der Regierungssprecher Yukio Edano ein. Im Reaktorblock 2 könnte die Kernschmelze bereits begonnen haben, so die Betreibergesellschaft Tepco. Eine Wasserstoffexplosion erschüttert diesmal Reaktorblock 3. Die Betonhülle des Gebäudes wird beschädigt.

Am späten Abend wird am Haupttor des Atomkraftwerks eine erhöhte Radioaktivität von 3130 Mikrosievert gemessen - doppelt so hoch wie der zuvor gemessene Höchstwert. Die Kühlung des Reaktors 2 bricht mehrfach zusammen - jedes Mal gelingt es Technikern, wieder Meerwasser in die Kammern mit den vier Meter hohen Brennstäben zu pumpen. Das Bangen nimmt kein Ende.

Deutsche vor Ort

Gestern wird bekannt: Zehn deutsche Techniker haben das Beben und die dramatischen ersten Stunden mitten im Katastrophenkraftwerk Fukushima Eins miterlebt. Gordon Huenies und Robert Meister berichten gestern in der deutschen Zentrale ihres Arbeitgebers in Erlangen davon, wie viel Glück sie hatten. In Fukushima wollen sie gerade im abgeschalteten Block 4 ein Prüfverfahren für Schweißnähte vorstellen, als die Erde bebt: "Der erste Gedanke ist pure Angst, der zweite Gedanke ist pure Angst, der dritte Gedanke ist pure Angst", sagt der 34-jährige Huenies. Doch sie fangen sich schnell wieder - auch, weil die Japaner eine unglaubliche Gelassenheit an den Tag legen. Bis zu 1000 Menschen seien im Kraftwerk mit Wartungsarbeiten beschäftigt gewesen, als die Natur zuschlug.

Ein Team des Technischen Hilfswerks (THW) mit 41 Helfern und Rettungsgerät hat unterdessen die Region erreicht. Erste Gebietserkundungen nahe der vom Tsunami voll getroffenen Millionenstadt Sendai müssen die Deutschen gestern nach einem erneuten heftigen Nachbeben samt Tsunamiwarnung aber einstellen.

72 945 Gebäude zerstört

Die Schreckensbilanz am Tag 4 nach der Katastrophe: Die Behörden zählen bislang 5000 Tote und namentlich bekannte Vermisste. Allein in der besonders betroffenen Provinz Miyagi warten die Angehörigen auf Lebenszeichen von rund 10 000 Menschen. Im Nordosten der Hauptinsel Honshu graben Retter unermüdlich in den Trümmern nach Opfern. Die Hoffnung auf Überlebende sinkt stündlich. 550 000 Menschen suchten Zuflucht in Auffanglagern. Insgesamt 72 945 Gebäude wurden laut Innenministerium zerstört.

Die Lage im Krisengebiet ist gespenstisch: Geschlossene Geschäfte säumen die breite Straße ins Krisengebiet. Vereinzelt ist der Asphalt in Folge aufgerissen, ein Bürogebäude liegt in Trümmern. Autos schleichen über die Straße, die Fahrer auf der Suche nach einer Tankstelle. Doch eine nach der anderen ist geschlossen, an Absperrleinen hängen Zettel mit der Aufschrift: "Ausverkauft". An den wenigen noch offenen Tankstellen standen lange Schlangen, Autofahrer warten bis zu zwei Stunden, teils mit Dutzenden Kanistern.

Geisterstadt Tokio

Große Teile Tokios wirken am ersten Werktag nach dem Jahrhundertbeben wie eine Geisterstadt. Wegen der Störfälle in den Atomkraftwerken wird überall der Stromverbrauch gedrosselt: "Das war richtig gespenstisch. Die Straßen waren wie leergefegt, in Hochhäusern brannten keine Lichter", so ein Zeuge. Dazu erschüttert ein heftiges Beben der Stärke 6,2 die Stadt. Der Bahnverkehr kommt weitgehend zum Erliegen.

Die Rationierung in der Stromversorgung im Land werde mindestens bis Ende April dauern, heißt es. In den Supermärkten trieben die Verkäufer ihre Kunden schon gestern zur Eile bei den Hamsterkäufen: "Wir haben noch zehn Minuten, dann wird der Strom für drei bis vier Stunden abgeschaltet", sagte ein Mitarbeiter eines Lebensmittelladens.

"Ich habe Angst"

Während die Welt die grausigen Bilder aus den nur Dutzende Kilometer entfernten Katastrophengebieten verfolgt, leiden auch die Menschen in den weniger beschädigten Vorgebieten unter Versorgungsmängeln, Erschöpfung und Ungewissheit. "Mir nützt es nicht viel, wenn die Regierung in Tokio über die nationale Situation Auskunft gibt", sagt die hochschwangere Sakiko Sato. "Ich will lieber wissen, wo ich noch einkaufen kann." Sato stellt sich geduldig in die lange Reihe vor dem Supermarkt. Niemand drängelt, jeder wartet geduldig ohne zu klagen. Immer wieder bebt die Erde. "Ich habe Angst", sagt Sato bei der Vorstellung, dass es in den nahen Kernkraftwerken zur Katastrophe kommen könnte. Am 25. März soll ihr Kind zur Welt kommen.

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