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19. November 2017 | 21:04 Uhr

Streitbar : Im Bann der grünen Gurus

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Statt eines höheren Bewußtseins verkaufen die heutigen Gurus ein gutes Gewissen, kritisiert Jan-Philipp Hein

In ausweglos scheinenden Situationen haben Gurus und Scharlatane Hochkonjunktur. Wunderheiler sprechen gezielt Krebskranke an, suggerieren Ihnen, mit ihrem „ganzheitlichen Ansatz“ würden sie die schwere Erkrankung frei von Nebenwirkungen in den Griff bekommen. Mit Vodoo, Handauflegen, dem Besprechen eines Tumors und ein paar Kügelchen sei es zwar noch nicht ganz getan. Wenn der Patient jedoch fest dran glaube, lasse sich alles regeln. Der Glaube versetzt schließlich Berge. Dass die ganzen Mittelchen und Sitzungen echtes Geld kosten, versteht sich von selbst. Auch Glaube ist teuer.

Auch wenn es nicht um eindeutige psychische oder physische Leiden geht, macht der Esoterik-Markt Angebote. Wahrsager, Wünschelrutengänger, Feng-Shui-Berater und Lichtnahrungspropheten sprechen an sich kerngesunde Menschen an, denen es sogar so gut geht, dass sie neue Wege hin zur Transzendenz und zum Sinn des Lebens suchen. Denn irgendwie muss man der wohlstandsgetränkten Langeweile doch entkommen können.

Zu den Gurus und vermeintlichen Experten für Gesundheitsfragen, Wellness oder Ernährung ist in den vergangenen Jahren eine weitere Gattung gekommen. Nicht weniger als die Weltrettung steht und stand auf ihrer Agenda. Sie haben jedoch keine esoterischen Zirkel eröffnet, sie verkaufen auch keine Klangschalen und Selbsterfahrungskurse oder Meditations-CDs und knöpfen einem auch keine Kollekte für Zuckerkügelchen ab. Sie nennen sich Unternehmer und lassen ihre Anhänger Aktien, Anleihen oder Genussrechte kaufen. Allerdings suggerieren sie ihren Jüngern, diese würden eben nicht aus so niederen Motiven wie Profit und Kapitaloptimierung ihr Geld zur Verfügung stellen. Vielmehr würde mit dem Ersparten die Welt ein Stück besser gemacht. Endlich eine Anlage mit Sinn und Nachhaltigkeit! Dass die Altersversorgung damit sicher sei, wird als Kollateralnutzen der Weltrettung gerne noch am Rande erwähnt.

Willkommen in der Welt der grünen Geldanlangen. Sie heißen und hießen Windreich, Solarworld oder Prokon, um nur die bekannteren Namen zu nennen. Und sie haben zwei große Sorgen ihrer Anleger für sich ausgenutzt. Die erste Sorge ist sehr individuell: Wer Kapital hat, kann es im Moment nicht einfach so für sich arbeiten lassen, da die Zinsen im Keller sind. Aus viel Geld eine sichere Altersversorgung zu machen, ist komplizierter als sonst. Mit absurd hohen Renditeversprechungen, die ein Vielfaches über den üblichen Zinsen lagen, köderten Unternehmen aus der Branche der Erneuerbaren Energien ihre Anleger. Nicht zuletzt die exorbitant hohen Subventionen der Erneuerbaren Energien, ließen diese Versprechen glaubwürdig erscheinen. Das Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG), über dessen angeblich segensreiche Wirkung beim Atomausstieg und beim Umbau der Energieversorgung in Deutschland sowieso schon gestritten werden kann, erweist sich mit den spektakulären Unternehmensniedergängen in der Branche auch noch als Kapitalvernichtungsmaschine.

Das betrifft nicht nur die Anleger, sondern uns alle. Denn wer sein Geld bei waghalsigen Spekulationen auf Windparks und Solardächer verloren hat, kann es eben nicht mehr fürs Alter einsetzen und wird vielleicht ein Fall für den Sozialstaat. Das ist ein kollektives Problem.

So wie die zweite Sorge der Anleger eine kollektive Hysterie war, die genutzt werden konnte. Aus Angst vor Atomkraft hat die Industrie-Supermacht Deutschland als direkte Folge der Havarie der Reaktoren im japanischen Fukushima im Schweinsgalopp den Umbau ihrer Energieproduktion in Angriff genommen. Da alles so einfach schien, waren und sind viele bereit, viel Geld dafür zu geben. Dass man sich gegen die Lehren der Ökonomie stellte, wollte kaum einer sehen.

Mit dem EEG gab es nach dem Zusammenbruch der DDR wieder Planwirtschaft im Land. Und so wie die „Volkseigenen Betriebe“ und Kombinate in der DDR spätestens mit der Öffnung der Grenzen nicht im internationalen Wettbewerb bestehen konnten, geht es auch den vom EEG gemästeten Unternehmen, die gegen technisch innovativere und kosteneffizientere Unternehmen aus Fernost nicht den Windhauch einer Chance haben.

Wie viel Verblendung und Wahn beim Anlegerpublikum immer noch im Spiel ist, bewies eine Versammlung beim insolventen Windenergie-Unternehmen Prokon. Dessen Gründer Carsten Rodbertus hatte in aggressiven Kampagnen Leuten das Geld für sogenannte Genussrechte aus der Tasche gezogen. Experten werfen Rodbertus vor, dass sein Unternehmen langfristige Investitionen mit kurzfristigem Geld finanziert habe. Gegen ihn wird wegen schweren Betrugs und Insolvenzverschleppung ermittelt. Doch bei dieser Versammlung war er mal wieder ganz der Visionär, der Unternehmer, der nicht an sich, sondern an die ganze Welt denkt. Es war der Rodbertus, der Menschen mit seiner zupackenden Art immer noch faszinieren kann. Es war der Rodbertus, der wie alle Gurus eine Erleuchtung hatte. Carsten Rodbertus stellte nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl in den 80ern zwei Windräder auf einen gepachteten Acker.

Dass der Staat irgendwann ein Gesetz schreiben würde, das aus seinem verträumt-naiven Idealismus mal eine Gelddruckmaschine machen würde, ahnte er damals wohl noch nicht.

Dieser Rodbertus mit seinem langen geflochtenen Zopf jedenfalls sagte einfach nur: „Nochmals vielen Dank an unsere Mitarbeiter und insbesondere an unsere Anleger, die nach wie vor hohe Bereitschaft haben, uns zuzuhören. Schönen Dank!“ Es folgte „fast schon euphorischer Applaus“, wie der „Deutschlandfunk“ irritiert anmerkte. Hätte Rodbertus das Geld in Immobilien versenkt, wäre er ohne Polizeischutz bei keinem Mikrofon angekommen. Bei Erneuerbaren Energien sieht die Welt jedoch gleich ganz anders aus.

In der Szene unvergessen ist auch ein Auftritt des Solarworld-Chefs Frank Asbeck, der ratlosen Reportern, die ihn auf seinen Maserati ansprachen, mitgab, dass irgendjemand doch das restliche Öl verbrauchen müsse, damit der Übergang zu alternativen Energien beschleunigt würde. Später beschleunigte sich der Niedergang seines Unternehmens. Um den Laden zu retten, mussten die Aktionäre schwerste Verluste einstecken. Aktionärsschützer meinten gar, die Anteilseigner würden „quasi enteignet“.

In der Liga der windigen und schillernden EEG-Unternehmer spielt auch Willi Balz. Seine Windreich AG ist pleite, Hunderte Millionen Euro wollen Gläubiger noch sehen und wegen Kapitalbetrugs ermitteln gegen Balz Staatsanwälte. Bis vor ein paar Monaten flog der Paradiesvogel noch mit dem Privatflieger zu Pressekonferenzen und Präsentationen.

Diese seltsamen Manager trafen auf Menschen, die im Angesicht niedrigster Zinsen und in allgemeiner Verzweiflung über den Zustand der Welt ihr Geld gaben. Und viele von Ihnen wollen offenbar bis heute nicht sehen, dass ihre Gurus sich schlicht verzockt haben und ihre Unternehmen einfach nicht im Griff hatten. Doch wer weiß: Vielleicht ist die Serie von spektakulären Unternehmensniedergängen in der Branche der Erneuerbaren Energien auch heilsam. Vielleicht wird es auch bald für Sonnenkönige und Windkraftpropheten mühsam sein, Geld einzusammeln.

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