„Ich habe viel geweint"

Helga Oleszak ist eine selbstsichere Frau. Über ihre Flucht aus Königsberg hat die Schwerinerin aber nie viel geredet. Nicht mal mit ihren drei Töchtern. Sie hat es verdrängt, dass sie dem Tode so nahe war. Flucht und Vertreibung waren ja in der DDR nur ein Thema für Ewiggestrige. Bald wird Helga Oleszak 77. Ihre Geschichte hat sie jetzt aufgeschrieben. Für die Kinder und Enkel.

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29. Februar 2008, 09:17 Uhr

„Krieg bringt nur Unglück und Leid, möge unseren Kindern und Enkeln ein solches Schicksal erspart bleiben“, sagt die 76-Jährige. Und sie dankt Gott, an den sie eigentlich nicht glaubt, für ihre Rettung.
Als Helga Oleszak zu erzählen beginnt, hat sie Tränen in den Augen. Doch ihre Schilderung ist so präzise, als hätte jemand die Geschehnisse jener Schicksalstage im eisigen Januar 1945 eingefroren. Als sei das alles erst jetzt wieder aufgetaut. Die Bilder. Die Gefühle. Selbst der unbeschreibliche Gestank nach Fäkalien auf dem vollgepferchten Flüchtlingsschiff.

Der Frachter „Göttingen“, der die 13-Jährige, ihre Mutter und die erst drei Monate alte Schwester aus Ostpreußen herausbringt, nimmt in der Nacht des 30. Januar 1945 von Pillau kommend denselben Kurs wie die „Gustloff“. Die „Göttingen“ hat 5000 Flüchtende an Bord, vor allem Frauen, Kinder, Greise und Verwundete. Drei Tage soll die Fahrt durch die verminte Ostsee dauern. Das Ziel ist Hamburg.
„Wir waren vor Erschöpfung eingeschlafen. In der Nacht gab es große Unruhe auf dem Schiff. Aus den Bullaugen sah ich Lichter blitzen. Geräusche, die ich nicht einordnen konnte.“ Der Frachter passiert die Unglücksstelle kurz vor Mitternacht. Er rettet 28 „Gustloff“-Überlebende.

Am Morgen sah Helga auf dem Deck menschliche Körper, die mit Planen zugedeckt waren. „Erst da erfuhr ich vom Untergang der Gustloff. Von den vielen Toten. Unsere Angst war unbeschreiblich.“
Die Details der Flucht scheinen sich tief in Helga Oleszaks Gedächtnis eingebrannt zu haben. Die Geräusche des Eisbrechers, der ihnen den Weg auf dem Königsberger Kanal bahnte. „Einfach unheimlich.“
Die Fahrt im stockdunklen Kohle-Prahm zum Hafen Pillau, der schwarz vor Menschen war. „60 000 waren es, die hier auf den Abtransport warteten, habe ich später gelesen.“

Die Sorge um das Baby. „Es drohte im Gedränge aus dem Wäschekorb zu fallen. Auf dem Schiff wurde Mutter seekrank. Sie konnte nicht mehr stillen.“

Oder der Anblick der Verwundeten, deren Papierbinden schon stanken. „Mutter hatte im Fluchtgepäck Brot und Speck. Wir teilten es mit bettelnden Soldaten.“

Den Vater, der sich zu Fuß über das Frische Haff gerettet hatte, traf Helga noch vor Kriegsende wieder. Das Baby, das die Flucht gut überstanden hatte, starb mit acht Monaten an Brechdurchfall.
„Meine Mutter hat den Verlust der Heimat nie verwunden“, sagt Helga Oleszak. Sie selbst sah Ostpreußen erst 2003 wieder. Ihre Tochter Evelyn hatte sie zu dieser Reise in die Vergangenheit überredet. „Ich habe viel geweint.“

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