Hier kann kein Einzelner seine Interessen durchdrücken

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03. Januar 2013, 10:36 Uhr

Die Rostocker Universitätsmedizin ist das einzige Transplantationszentrum in Mecklenburg-Vorpommern. Hier werden bereits seit 1976 Nieren und seit Mitte der 90er Jahre auch Lebern und Bauchspeicheldrüsen transplantiert. Einer der dafür verantwortlichen Mediziner ist der Direktor der Klinik und Poliklinik für Urologie, Prof. Dr. med. Oliver Hakenberg. Karin Koslik sprach mit ihm.

Herr Prof. Hakenberg, was wird in Rostock getan, um Manipulationen bei der Organspende, wie sie jetzt auch in Leipzig aufgedeckt wurden, auszuschließen?

Hakenberg: Hier in Rostock sind es schon immer mehrköpfige Gremien, die darüber entscheiden, welche Patienten auf die Warteliste für ein Spenderorgan kommen. Im vergangenen Jahr haben wir als Konsequenz aus den seinerzeit bekannt gewordenen Organspendeskandalen beschlossen, dass diese Gremien noch einmal erweitert werden. Jetzt werden auch Vertreter eines Fachgebietes hinzugezogen, das nichts mit der Transplantation zu tun hat - und also überhaupt kein Interesse daran hat, dass die Transplantationszahlen nach oben gehen. Konkret heißt das, dass bei Nierentransplantationen neben Urologen und Nephrologen jetzt auch ein Kardiologe, also ein Herzspezialist, mit am Tisch sitzt. Bei Lebertransplantationen kommt zu den Vertretern aus Leberchirurgie und Gastroenterologie nun ebenfalls noch ein Vertreter aus der Kardiologie dazu. So sitzen stets fünf bis zehn Personen zusammen, wenn über potenzielle Organempfänger entschieden wird. Da kann kein Einzelner seine Interessen durchdrücken. In anderen Transplantationszentren wird das anders gehandhabt, dort entscheiden wirklich Einzelne - und das öffnet Manipulationen Tür und Tor.

In Leipzig wurde Patienten, die auf eine Leberspende warteten, fälschlich bescheinigt, dass sie dialysepflichtig sind. Dadurch bekamen sie bessere Plätze auf der Warteliste. Nach welchen Kriterien ergibt sich die Wartezeit eines Organempfängers?

Das unterscheidet sich je nach Spenderorgan. Bei der Niere ist die Wartezeit ausschlaggebend, also die Zeit, die der Patient bereits an der Dialyse ist. Außerdem spielt das Alter eine Rolle - Kinder haben Vorrang. Wobei dies keine Benachteiligung Älterer darstellt: Über 65-Jährige bekommen nur Organe von über 65-Jährigen - und davon gibt es, im Verhältnis gesehen, besonders viele.

Bei der Leber wird danach geschaut, wie viel Lebenszeit dem Organempfänger noch bleibt. Drei Laborwerte fließen in diesen Score, der in Punkten berechnet wird, ein: Bilirubin, Gerinnung und Keratinin. Kommt eine Dialysepflicht dazu, steigt der Scorewert noch einmal an.

Im vergangenen Jahr ist nach Bekanntwerden der Organspendeskandale in Göttigen und München deutschlandweit die Bereitschaft zur Organspende zurückgegangen. Wie sieht es in Rostock aus?

Auch wir mussten einen spürbaren Rückgang der Spendenbereitschaft verzeichnen. Im ganzen Jahr 2012 haben wir 38 Nieren transplantiert, in anderen Jahren waren es immer mehr als 60. Die Zahl der Patienten, die bei uns auf der Warteliste für ein Spenderorgan stehen, ist dagegen mit ca. 220 seit langem stabil.

Seit November gilt bei der Organspende in Deutschland die Entscheidungslösung. Sie selbst favorisieren die Widerspruchslösung, bei der jeder als Spender gilt, wenn er nicht ausdrücklich zu Lebzeiten der Organentnahme widersprochen hat. Warum sehen Sie darin das bessere Modell?

Ich bin selbst von meiner Krankenkasse angeschrieben worden und habe einen Organspendeausweis zugeschickt bekommen. Aber ich kann ihn auch wegwerfen, ich bin nicht gezwungen, eine Antwort zu geben. Das Mindeste wäre doch zu verlangen, Ja oder Nein anzukreuzen. Besonders ärgerlich ist, dass die zaghafte Initiative des Gesetzgebers, die Bevölkerung zur Beschäftigung mit dem Thema Organspende zu bewegen, jetzt vollends verpufft. Wenige schwarze Schafe unter den 47 deutschen Transplantationszentren machen jetzt alles kaputt.

Patientenschützer und Politiker fordern den Einsatz einer unabhängigen Expertenkommission, die Transplantationszentren kontrollieren soll. Was halten Sie davon?

Nichts, denn wir haben jetzt schon jede Menge unabhängige Kontrollinstanzen. Beispielsweise kontrolliert die Bundesärztekammer alle Transplantationszentren - im Rahmen so einer Prüfung sind auch die Manipulationen in Leipzig aufgedeckt worden. Dann gibt es das AQUA-Institut, das im Auftrag des Bundes Qualitätssicherung macht und dem alle Transplantationszentren nicht nur Daten aller Transplantationen, sondern auch noch die der Nachbetreuung aus drei Jahren nach der Operation zur Verfügung stellen. Und schließlich erhebt auch die Deutsche Stiftung Organtransplantation Zahlen.

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