Herrn Kutzners Gespür für Schnee

Auf den wenig befahrenen Kreisstraßen rund um Marsow sind die Straßen glatt. Da hilft bei minus 16 Grad auch die Feuchtsalzstreuung nur bedingt. Fotos: Hans Taken
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Auf den wenig befahrenen Kreisstraßen rund um Marsow sind die Straßen glatt. Da hilft bei minus 16 Grad auch die Feuchtsalzstreuung nur bedingt. Fotos: Hans Taken

"Nachtschicht" - so lautet unsere neue Rubrik, in der Menschen vorgestellt werden, die dann auf den Beinen sind, wenn andere noch schlafen. Ob Nachtwächter oder Bäcker, Polizist oder Krankenwagenfahrer - sie alle haben Jobs, die auch Nachtarbeit erfordern. Straßenwärter Bernhard Kutzner ist einer von ihnen. Ab 3 Uhr fährt er mit seinem Räumfahrzeug der Kreisstraßenmeisterei durch den Landkreis Ludwigslust, um Verkehrswege von Eis und Schnee zu befreien, damit der Berufsverkehr rollen kann.

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06. Januar 2009, 10:14 Uhr

Hagenow | Der Himmel, in dem ein blasser, zunehmender Mond hängt, ist klar und voller glitzernder Sterne. So sieht ein Himmel in einer Winternacht aus, in der es kalt wird, bitterkalt. "Wir haben Minus 14 Grad", sagt Bernhard Kutzner und zeigt auf die Thermometeranzeige, die ins Armaturenbrett eingelassen ist. Kutzner hat orangefarbene Arbeitskleidung an, eine dunkle Kappe über den Kopf gezogen und einen langen Schal um den Hals gehängt. "Ich bin etwas heiser", sagt Kutzner und steckt sich ein Hustenbonbon in den Mund, um der drohenden Erkältung den Kampf anzusagen. Dann dreht er den Zündschlüssel des 280 PS-starken und 18 Tonnen schweren Streu- und Räumfahrzeugs um, damit er in den kommenden vier Stunden noch etwas anderes bekämpfen kann: spiegelglatte Straßen.

Das grelle Fernlicht der Scheinwerferkegel zerschneidet die Dunkelheit, die blinkenden Warnlampen auf dem Dach des Führerhauses tauchen die frost- und schneebedeckten Straßengräben in ein gespenstisches Licht. Es sind die einzigen Lichter auf der Kreisstraße 16 zwischen Besitz und Blücher, nachts um kurz nach 3 Uhr. An den Straßenrändern liegen kleine weiße Schneehaufen, die Bernhard Kutzner schon in Einsätzen nach den Niederschlägen am Sonntag mit der breiten Schaufel seines Räumfahrzeugs weggeschoben hat. "Fünf Zentimeter Schnee sind in dieser Region wohl gefallen", rechnet Kutzner hoch.

Jetzt liegt noch auf vielen, weniger befahrenen Stücken seines sieben Kreisstraßen umfassenden und 64 Kilometer langen Reviers eine dünne Schicht auf der Fahrbahn, die auch der Feuchtsalzstreuung standgehalten hat. "Wenn wenig Autos unterwegs sind, kann sich das Salz nicht gut verteilen", sagt Kutzner. An einigen Stellen ist sogar eine neue Eisschicht dazugekommen. "Gestern hat es getaut. Das Wasser auf der Fahrbahn ist danach aber wieder gefroren", weiß der Straßenwärter. Die Lauge, mit der die Männer von der Kreisstraßenmeisterei dem Winterbelag zusätzlich den Garaus machen, kann bei diesen enormen Minus-Temperaturen nicht eingesetzt werden. "Auch die Lauge würde bei dieser Kälte jetzt gefrieren", sagt Kutzner.

20 Gramm Salz pro QuadratmeterMit dem richtigen Gespür für Schnee und Eis unter den Rädern, drückt Bernhard Kutzner immer dann auf den Knopf einer Schaltkonsole neben dem Lenkrad, wenn die Fahrbahn glatt ist. 20 Gramm Salz pro Quadratmeter, so ist das Gerät eingestellt, um den Ausstoß der Ladung über den Streuteller am Heck des Wagens zu regulieren. Im Trichter des Fahrzeugs stecken vier Tonnen Feuchtsalz, das der Angestellte des Landkreises Ludwigslust schon abends zuvor im Depot Vellahn geladen hat.

Mit 45 Kilometern pro Stunde rauscht der Streuwagen über Straßen, die Mecklenburg mit Schleswig-Holstein verbinden, die Dörfer wie Leisterförde oder Fortkrug links liegen lassen, die Ortschaften wie Rodenwalde oder Banzin durchqueren. Auch Brahlstorf, wo in dieser Nacht mehr Katzen als Menschen auf den Straßen sind, liegt auf Kutzners Tour. "Hier haben wir jetzt 16 Grad minus", sagt der Straßenwärter. Dann steckt er sich ein neues Hustenbonbon in den Mund.

So eine Kälte wie in dieser Nacht, nein, das habe er lange nicht erlebt. Aber eine Nacht, die vergisst er nie. Januar 1979: Der damalige Maurerlehrling Bernhard Kutzner und sein Arbeitskollege steckten im Jahrhundertwinter auf der Straße zwischen Hagenow und Pritzier fest und mussten 16 Stunden in einem Lkw-Führerhaus ausharren, bis die Straße soweit von Schnee befreit war, dass die Fahrt im Schneckentempo weitergehen konnte. Das war vor 30 Jahren. Jetzt ist Bernhard Kutzner 48, Vater von drei erwachsenen Kindern, seit 16 Jahren im Dienst der Kreisstraßenmeisterei und mit rund 30 weiteren Angestellten des Landkreises nebst Arbeitern von zwei Lohnunternehmen im Einsatz, damit der Verkehr so gut wie möglich rollen kann. Dafür stehen 14 eigene und vier externe Fahrzeuge zur Verfügung.

40 Einsätze pro Winter sind einkalkuliertMittlerweile ist Kutzner in Marsow angekommen, wo frierende Kinder auf den Schulbus warten. Ganz in der Nähe, in Goldenbow, ist er zu Hause, ganz in der Nähe, im Dörfchen Albertinenhof, wird seine Tour für diese Nacht enden. Rund zwei Tonnen Feuchtsalz hat er verteilt. "Mehr war nicht nötig, da es keinen neuen Niederschlag gegeben hat. Gut so, denn je weniger wir verstreuen müssen, um so besser ist es für die Umwelt", sagt Kutzner. Und besser für das Budget von Detlef Schlüter, Fachdienstleiter Straßen und Tiefbau des Landkreises Ludwigslust. 1,2 Millionen Euro stehen ihm jährlich für die Unterhaltung der 567 Kilometer Kreisstraßen und 92 Kilometer Radweg in einem der größten Kreise Deutschlands zur Verfügung. Durchschnittlich 40 Einsätze pro Winter kalkuliert er ein. Im vergangenen, milden Winter waren nur 18 Einsätze nötig. "Was dann gespart wird, können wir im Sommer beispielsweise für kleinere Reparaturarbeiten an den Straßen ausgeben", so Schlüter.

Im Sommer, da ist Bernhard Kutzner mit einem Asphalt-Wagen unterwegs, um Straßenlöcher zu stopfen. Dann fängt er um 7 Uhr an zu arbeiten. Um diese Zeit ist für ihn heute die Nachtschicht beendet. "Jetzt gibt es Frühstück, dann lege ich mich schlafen", sagt Kutzner. Bis zum Wochenende, da ist er sich sicher, wird er weitere Touren fahren. Es soll kalt bleiben. Danach steht er auf Abruf, immer bereit, Eis und Schnee von den Straßen zu räumen, damit der Verkehr so gut wie möglich rollen kann.

Straßenmeister Salz ab

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