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20. November 2017 | 08:53 Uhr

Herr Gianiki macht Diät

vom

svz.de von
erstellt am 12.Nov.2011 | 03:50 Uhr

Schwerin | Die fetten Jahre sind vorbei. Dimitrios Gianiki will künftig mehr Maß halten. Der Grieche hat sich eine Diät verordnet und ein wenig mehr Bewegung - und sich prompt dabei verhoben. Gleich der erste Anlauf im brandneuen Sportdress brachte dem Gastwirt einen schlimmen Rücken ein. Sein Sohn Ioannis stemmt die Hand in die Seite und macht sich krumm - so schlimm. Er führt die Geschäfte an diesem Abend im Restaurant "Hermes" am Stadtrand von Schwerin. Seit 1994 betreibt die Familie, die aus Thessalien im Norden Griechenlands stammt, das Lokal.

Ein Kollege und Landsmann, Kosta Papanastasiou, bekannt als Gastwirt Panaiotis aus dem Fernsehklassiker "Lindenstraße", hat sich dieser Tage medienwirksam über die "anti-griechische Stimmung in Deutschland" ereifert. "So feindlich, so beleidigend, so uneuropäisch", erscheint ihm der Umgangston.

Das "Hermes" schwingt an diesem Abend im Takt von "Griechischer Wein" - dem ersten Abend, da im fernen Athen endlich ein neuer Pap das Sagen hat: Papademos heißt der Nachfolger von Papandreou. Kellner Panaiotis, Namensvetter des Fernseh-Griechen, winkt ab. "Papademos muss verrückt sein", vermutet er. Den Posten bei der Europäischen Zentralbank einzutauschen gegen den Job als Ministerpräsident? Viel Hoffnung, dass sich etwas ändert, hat er nicht, dafür umso mehr Arbeit. Unter den Säulen, Reliefs, Bögen, Amphoren sind die Tische beachtlich gut gefüllt für einen nebligen Abend mitten in der Woche. Sogar der große Tisch im Kellergewölbe ist besetzt.

Brigitte Griffel kommt "von Anfang an" liebend gern ins "Hermes". Diesmal mit ihrer Freundin und ehemaligen Kollegin. Sie hat sich eines ihrer Leibgerichte - "Ich habe viele." - schmecken lassen und Zeit für ein Schwätzchen mit dem Kellner. Als Fan von Küche, Land und Leuten verfolgt die Krankenschwester aus Schwerin natürlich sehr genau, was los ist in Griechenland. "Mich nervt es, dass die Griechen sich nicht einig werden", sagt sie. "Die Deutschen reißen sich den..." - naja, Sie wissen schon - "…auf und dann wollen die Griechen plötzlich nicht mehr. Da bin ich schon ein bisschen sauer gewesen." Schließlich haben sich "Frau Merkel und Sarkozy" viel Mühe gegeben. Frau Griffel ist sicher, dass es den Griechen hierzulande besser als denen in Griechenland. Lieber sind sie ihr überdies.

Ioannis Gianiki greift derzeit lieber einmal mehr zum Telefon, um zu hören, wie es der Familie zu Hause geht. Schon beim Urlaub im letzten Sommer hat er seinen Großeltern die wachsende Unruhe angemerkt. Sie leben in der Nähe der Meteora-Klöster. "Mich macht die Situation traurig", sagt er. Viele seiner Gäste erkundigen sich regelmäßig nach dem Stand der Dinge. "Sie fragen vom Herzen", schätzt der junge Mann ein. Gewiss wird auch mal geschimpft über das, was über die griechischen Verhältnisse ans Licht gekommen ist: "Rente mit 40? Rente für Tote? Das kann niemand verstehen", sagte Ioannis.

31 ist er. Mit seiner Frau, "Griechin aus Westfalen", hat er zwei Söhne, zwei und fünf, geboren in Schwerin. Auch darum macht sich der Familienvater Sorgen - um Griechenlands Zukunft wie Deutschlands Schuldenberg. "Mein Großvater sagt immer, nach einem Unwetter kommt die Sonne." Wie schön war es doch damals, als die Griechen aus Freude über die Fußball-EM auf die Straße gingen. "Und heute?" Gerade für seine Altersgenossen ist es schwierig. "Du nimmst ihnen die Träume weg", sagt er. "Sie können doch nichts dafür, dass Politiker Fehler machen." Ob es ihnen mit der Drachme besser ginge? "Vielleicht", sagt Gianiki junior. Seine Hand geht am Regal mit den Kaffeetassen rauf und wieder runter. Der Versuch, den Vorteil von Wechselkursen zu verdeutlichen.

Die Drachme? Für Panaiotis ein Wort aus einer fernen Zeit. Seit 15 Jahren war er nicht mehr zu Hause in Athen. "Heimweh ist immer, aber ich habe dort keine Familie mehr." Ginge es nach ihm, gäbe es heute noch die D-Mark. Viel Ärger mit dem Euro und viel weniger auf die Hand. "Zahlst du Miete, zahlst du Essen, und?" Der hochgewachsene Grieche reißt die Schultern nach oben und streicht die Handflächen aneinander ab, dass es zischt. "Nix mehr."

Er eilt zur Tür, um zwei Ehepaare zu verabschieden. Peter Kummerow ist heute 66 geworden und zur Feier des Tages mit Frau und Freunden bei seinem Griechen eingekehrt. Kommt er aus Solidarität einmal öfter? Oder aus Verdruss einmal weniger? Nein und wieder Nein. Hannelore Kummerow hat es eilig, für die Zigarette nach dem Essen hinauszukommen. Das Einer-für-alle-Alle-für-einen der Europäischen Union erscheint ihr selbstverständlich. "Natürlich müssen wir helfen, so würde man das ja mit Freunden auch machen." Händeschütteln mit dem Kellner, die Tür fällt zu.

In der Ecke, wo "Aphrodite mit dem Apfel" steht, gibt ein älterer Bartträger seine Meinung zum Besten: "Die armen Griechen können doch nix für ihre unfähige Regierung." Basta. Die "saftig gegrillten Lammkoteletts" begießt er mit einem flambierten Tsipouro, der Spezialität des Hauses. Nichts anderes als Medizin sei das, hat Pa naiotis erklärt. Flüssiger Thymianhonig mit einem brennenden Schnäpschen drauf. "Du kannst daran riechen, und dein Kopf ist frei." Und die inwändige Wirkung… - "es gibt nichts Besseres". Die Griechen haben der Welt mehr gegeben als Probleme.

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