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Hintergrund : „Heinkel profitierte von KZ-Arbeitern“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Historiker Lutz Budraß erklärt die tiefe Verstrickung des Ingenieurs aus der Hansestadt in die Verbrechen der Nationalsozialisten

Am 27. August 1939 hob das erste Düsenflugzeug der Welt, die „He 178“, in Rostock-Marienehe von der Startbahn ab. Dem deutschen Konstrukteur Ernst Heinkel (1888–1958) war eine Meisterleistung gelungen. Lange wurde er dafür gefeiert.

Doch Heinkel war tief in die Verbrechen der Nazis verstrickt, sagt Lutz Budraß. Der wissenschaftliche Mitarbeiter der Ruhr-Universität Bochum forscht seit Jahren über Militärgeschichte und die Beteiligung von Unternehmen an den Verbrechen des Dritten Reichs. 2004 war Budraß Mitglied der so genannten „Heinkel-Kommission“ in Rostock. Christopher Weckwerth sprach mit dem 53-jährigen Historiker.

Herr Budraß, welche Verbindung hatte der Ingenieur Ernst Heinkel zu den Nazis?

Budraß: Meiner Meinung nach war er der größte industrielle Profiteur von Arbeitern aus den Konzentrationslagern. Bei der Beschäftigung von KZ-Häftlingen hatte er eine Pionierrolle. Für ihn fand die erste Selektion von Juden im polnischen Generalgouvernement statt. Als in der Stadt Mielec 1942 das Ghetto aufgelöst wurde, kamen die arbeitsfähigen Juden in seine Werke. Die anderen wurden abgeschoben und später getötet. 1944 arbeiteten rund 10 000 KZ-Häftlinge in Heinkels Werken.

Schon 1933 war Heinkel in die NSDAP eingetreten. War Ernst Heinkel ein überzeugter Nationalsozialist?

Heinkel hatte nach einem Flugzeugabsturz ein schiefes Gesicht. In der NSDAP gab es daher anfangs großen Widerstand dagegen, ihn aufzunehmen – man hielt ihn für einen Juden. Der Gauleiter von Mecklenburg setzte sich aber bei Hermann Göring dafür ein, ihn schon 1933 in die Partei aufzunehmen. Trotzdem hatte Heinkel auch jüdische Freunde, denen er nach 1945 glaubhaft versichern konnte, dass er sie nicht aus rassischen Gründen als schlecht einschätzte.

1948 wurde Heinkel als Mitläufer eingestuft. In einem Berufungsverfahren wurde er dann schließlich aber entlastet. Warum diese Entscheidung?

Die Behörden wollten sich in dem Verfahren den Unternehmer sichern. Landauf, landab hatte Heinkel angekündigt, er schaffe Hunderte Arbeitsplätze, wenn er sein Werk zurückbekäme. Das gab am Ende den Ausschlag. Der Freispruch ist sehr fragwürdig.

 

 

 

 

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